Ein Lost Place erwacht

Heute vor 90 Jahren verließ die liberale jüdische Gemeinde Hamburgs endgültig ihren Tempelbau in der Poolstraße. Der Bau, in dem fast ein Jahrhundert lang der Gottesdienst gefeiert wurde, geriet in Vergessenheit. Heute ist von dem Gebäude nur noch wenig übrig. In jüngster Zeit hat sich die Stadt Hamburgs endlich der Bewahrung der Reste angenommen. – Von Florian Tropp

Alt und trutzig: Die Reste des Israelitischen Tempels im Januar 2019

Der Autor dieser Zeilen hatte nur vage von dem Bauwerk gehört, als er in der Gegend unterwegs war. Hier in der Poolstraße in Hamburgs Neustadt sollte ein historischer Bau stehen, von der Umgebung fast vergessen. Tatsächlich erschien es fragwürdig, dass sich vor Ort einst ein Zentrum jüdischen Lebens in der Hansestadt befunden haben sollte. Durch einen weißen Torbogen führte der Weg in einen Innenhof. Hier herrschte an diesem Januartag 2019 eher die Atmosphäre eines Schrottplatzes vor.

Denn im Hof war eine Autowerkstatt beheimatet, viele Europaletten, einige Müllcontainer und etwas Gerümpel standen herum. Ein Backsteinbau krönte die Szenerie. Nur wenige Fenster waren in das Gebilde eingelassen. Ein halbkreisförmiger Ausschnitt verlieh ihm eine eigenwillige Note. Auf seinem Dach wuchsen Bäume. Er ragte als aus der Zeit gefallenes Objekt in den grauen Himmel der Hansestadt.

Einst war hier viel mehr los gewesen. Im Israelitischen Tempel feierte die liberale jüdische Gemeinde ihre Gottesdienste und Feste. Fast ein Jahrhundert war dies der Fall. Und heute vor 90 Jahren, am 31. August 1931, wurde der Tempel verlassen. Die Gläubigen zogen weiter in die Synagoge in der Oberstraße, unweit des heutigen Landesfunkhauses des NDR. Der alte Bau geriet in Vergessenheit – kaum vorstellbar angesichts seiner vormaligen Bedeutung für die jüdische Bevölkerung.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte in Hamburg eine der größten Gemeinden existiert: Etwa 6.000 Personen, also 5 bis 6% der Gesamtbevölkerung, gehörten ihr an.[1] Damit war sie so groß geworden, dass sich verschiedene Strömungen abzeichneten, die ihre eigenen Ideen vom jüdischen Glauben postulierten.

Eine davon war das liberale Judentum, das mit vielen Mustern im Gottesdienst brach, die ihr als überholt erschienen. Moshe Navon, heute Landesrabbiner der Liberalen bringt die Unterschiede zum klassischen Brauchtum auf den Punkt: „In unserem Gottesdienst wird auch deutsch gebetet. Musik spielt eine große Rolle, und schon vor 200 Jahren wurde das Gebetbuch theologisch überarbeitet und von manchen in früheren Jahrhunderten hinzugekommenen Auslegungen befreit.“[2] 1817 konstituierte sich die „Neue Israelitische Tempel-Gemeinde“, der alsbald in der südlichen Neustadt Gottesdienste abhielt.

Gewisse Parallelen zum Gestus evangelischer Liturgie sind dabei unverkennbar: Nicht nur, dass der Gottesdienst in der Volkssprache abgehalten wurde und eine Orgel spielte: Der Prediger und Pädagoge Eduard Kley forcierte gar die Abhaltung einer Konfirmation anstatt der bisherigen Bar Mitzwa. So bestand zwar eine innere Bindung der Jugendlichen an die jüdische Gemeinschaft, weniger aber an konkrete Rituale. Hier offenbarte sich eine neue urbane jüdische Identität, die sich an einem säkular-bürgerlichen Ideal jener Zeit orientierte.[3]

Auch Frauen wurden stärker in den religiösen Bereich eingebunden. Der jüdische Gelehrte Peter Beer, ein Verfechter des liberalen Kurses, fragte 1837 rhetorisch, ob „diese wichtige Hälfte des menschlichen Geschlechts“ weiterhin in der „geistigen Sklaverei“ bleiben solle. Schließlich sei sie inzwischen „nicht nur in bürgerlicher, sondern auch in religiöser Beziehung emanzipiert“.[4] Nicht überall stießen solche progressiven Ideen auf Gegenliebe.

Die jüdische Orthodoxie in der Hansestadt war nämlich ganz und gar nicht begeistert. Beim Senat protestierten 40 traditionelle Rabbiner schriftlich gegen die Anerkennung der neuen Glaubensströmung. Die städtischen Würdenträger aber ließen sich nicht umstimmen und traten nicht gegen die Aktivitäten der Tempel-Gemeinde ein.[5]

Reste eines Reliefs in der alten Apsis

Der Erfolg gab den Pionierinnen und Pionieren Recht. Denn schnell war das alte Gebäude zu klein für die prosperierende Gemeinschaft geworden. An der Poolstraße sollte eine neue Heimat entstehen. 1844 trafen sich hier erstmals Menschen zum Gottesdienst. Das Erscheinungsbild des Tempels war außergewöhnlich für seine Zeit. In ihm kamen maurische sowie klassizistisch-neogotische Elemente zusammen. Besonders war aber auch das große Eingangstor, durch das weibliche und männliche Gläubige gleichermaßen zum Gottesdienst einzogen. Sie saßen zwar nicht nebeneinander, doch waren sie nicht mehr durch eine Sichtblende voneinander getrennt. Im Saal fanden in den Sitzreihen im Erdgeschoss 380 Männer Platz, bis zu 260 Frauen fanden auf der Galerie über ihnen Platz.[6]

Auch anderswo entstanden in den folgenden Jahrzehnten neue Zentren jüdischen Lebens in der Hansestadt. 1906 wurde die Bornplatzsynagoge eingeweiht, in der weiterhin nach orthodoxem Ritus gefeiert wurde. Nur wenige Meter entfernt bestand bereits seit 1895 die Dammtorsynagoge. Trotz des Miteinanders der jüdischen und der christlichen Bevölkerung blieb der Antisemitismus in Deutschland aber virulent.

Im Ersten Weltkrieg war das Stereotyp vom jüdischen Drückeberger in der Bevölkerung weit verbreitet. Das deutsche Heer strengte gar eine statistische Erhebung an, um den Anteil jüdischer Soldaten zu belegen. Die Ergebnisse, die das judenfeindliche Klischee entkräfteten, blieben freilich unter Verschluss. Demonstrativ beging die liberale Gemeinde Hamburgs in diesem Klima am 16. Februar 1919 die Gedenkfeier für ihre im Krieg Gefallenen. Der Chor sang für 82 Männer aus ihrer Mitte, die in Ausübung ihres Dienstes „für Kaiser und Vaterland“ im Feld geblieben waren.[7] Das gesellige Miteinander im Tempel in der Poolstraße war bald darauf vorbei. Denn wenige Jahre danach begann die Suche nach einer neuen Synagoge. Am 31. August 1931 wurde der neue Bau in der Oberstraße eingeweiht. [8] Niemand der Anwesenden konnte ahnen, dass nur anderthalb Jahre später das Unheil des „Tausendjährigen Reichs“ über sie hereinbrechen sollte.

Während jüdisches Leben ab 1933 in der Hansestadt immer weiter zurückgedrängt wurde und die Bevölkerung Stück für Stück entrechtet wurde, war der alte Tempel zum Magazin umfunktioniert worden. 1937 musste die Gemeinde den Bau auf Druck der NS-Behörden unter Wert verkaufen.[9] Für den Erhalt des Gebäudes sollte sich der Umzug nach Harvestehude aber zunächst als Glücksfall erweisen: Als in der Reichspogromnacht 1938 Horden der SA und ihre Mitläufer die Synagoge im Grindelviertel und auch den neuen Gebetssaal an der Oberstraße verwüsteten, blieb der Bau an der Poolstraße davon unberührt. Fatalerweise war es ein Treffer bei einem Luftangriff der Alliierten, der das Gebäude, bis auf die heutigen Reste, 1944 zerstören sollte.

Als Krieg und Holocaust vorüber waren, interessierte sich scheinbar niemand mehr für die Bauten an der Poolstraße. Das liberale jüdische Miteinander in Hamburg war ausgerottet worden. Die wenigen Jüdinnen und Juden, die noch in Hamburg lebten, erhielten 1960 ein neues Zentrum: die Synagoge an der Hohen Weide. Unter dem Dach des Gotteshauses kamen Angehörige aller verschiedenen Strömungen des jüdischen Glaubens zusammen. „Das war eine typische Entwicklung der deutschen Nachkriegsgeschichte: Da es nach der Shoah nur noch wenige Juden gab, wurden ‚Einheitsgemeinden‘ eingerichtet“[10], stellt Miriam Rürup fest. Die Historikerin leitete viele Jahre das „Institut für die Geschichte der deutschen Juden“ in Hamburg. Rürup steht heute dem Verein „TempelForum“ vor, der sich den Erhalt der Überreste in der Poolstraße zum Ziel gesetzt hat.

Denn im 21. Jahrhundert fiel der öffentliche Blick endlich wieder auf das alte Ensemble. Private Initiativen regten den Erhalt des alten Tempels an. Es war allerhöchste Zeit, die Flora bemächtigte sich allmählich des Baus. 2003 waren die Reste zumindest von der Kulturbehörde unter Denkmalschutz gestellt worden.[11] Im Jahr darauf konstituierte sich in Hamburg wieder eine liberale jüdische Gemeinde, die schnell von nur zwölf auf 350 Mitglieder wuchs. Ihr Weg zur Anerkennung blieb aber steinig, die kleine Gruppe konnte ihrem Anliegen kaum Gehör verschaffen.

Erst 2020 erfolgte dann der endgültige Durchbruch: Die Stadt kaufte das Gelände. Was dort in naher Zukunft entstehen soll, ist noch offen. In den Räumlichkeiten sollte zukünftig, laut Überlegungen Rürups, sowohl die Gemeinde Platz für Büros erhalten als auch eine Ausstellung Platz finden. Der Innenhof könnte überdacht werden und wieder für Gottesdienste genutzt werden. Wie all das umgesetzt werden soll, finanziell und logistisch, ist derzeit noch offen. Ziel soll es sein, dass jüdisches Leben wieder präsent in der Poolstraße ist. So, wie es schon von 1844 bis 1931 gewesen ist.

Literatur:

  • Bergmann, Werner. Tumulte – Excesse – Pogrome. Kollektive Gewalt gegen Juden in Europa 1789-1900. Göttingen. 2020.
  • Lässig, Simone. Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert. Göttingen. 2004. S. 252.
  • Dies Religiöse Modernisierung. Geschlechterdiskurs und kulturelle Verbürgerlichung. Das deutsche Judentum im 19. Jahrhundert. In: Heinsohn, Kirsten; Schüler-Springorum, Stefanie (Hgg.). Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte. Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen. 2006. S. 46-87. Hier: S. 53.
  • Grabner-Haider, Anton; Davidowicz, Klaus S., Prenner, Karl (Hgg.). Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Göttingen. 2015. S. 173.

[1] Bergmann, Werner. Tumulte – Excesse – Pogrome. Kollektive Gewalt gegen Juden in  Europa 1789-1900. Göttingen. 2020. S. 173.

[2] https://www.abendblatt.de/hamburg/article212786087/Die-juedische-Reformation-in-Hamburg.html, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

[3] Lässig, Simone. Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert. Göttingen. 2004. S. 252.

[4] Dies Religiöse Modernisierung. Geschlechterdiskurs und kulturelle Verbürgerlichung. Das deutsche Judentum im 19. Jahrhundert. In: Heinsohn, Kirsten; Schüler-Springorum, Stefanie (Hgg.). Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte. Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen. 2006. S. 46-87. Hier: S. 53.

[5] Grabner-Haider, Anton; Davidowicz, Klaus S., Prenner, Karl (Hgg.). Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Göttingen. 2015. S. 173.

[6] https://taz.de/Historikerin-ueber-Synagogen-und-Tempel/!5764909/, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

[7] https://digitalisate.sub.uni-hamburg.de/de/nc/detail.html?tx_dlf%5Bid%5D=5439&tx_dlf%5Bpage%5D=3&tx_dlf%5Bdouble%5D=0&cHash=4c2bd30c7565289fc6066d037f595dd2, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

[8] https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/von-der-hansestadt-in-die-welt/, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 9.00 Uhr.

[9] https://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/14740448/stadt-kauft-ehemaligen-israelitischen-tempel-poolstrasse/, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

[10] https://taz.de/Historikerin-ueber-Synagogen-und-Tempel/!5764909/, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

[11] https://www.abendblatt.de/hamburg/article106720173/Synagogen-Ruine-unter-Denkmalschutz.html, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

Der Lärm nach dem Schuss

Die bundesdeutsche Geschichte lässt sich nicht ohne die terroristische Rote Armee Fraktion (RAF) erzählen. Insbesondere in den 1970ern hielt sie Sicherheitsbehörden und Bevölkerung in Atem. Heute vor 50 Jahren forderte ihr Wirken das erste Todesopfer in ihren Reihen. Ein Wendepunkt auf dem Weg zur Eskalation – Von Florian Tropp

Schauplatz der Ereignisse: Die Reineckestraße in Hamburg-Bahrenfeld

Die Reineckestraße in Hamburg-Bahrenfeld. Viel los war hier eigentlich selten. Sie liegt unauffällig zwischen der Autobahnauffahrt zur A7 und den Hauptverkehrsadern. Am 15. Juli 1971 aber stand sie plötzlich im Blickfeld der westdeutschen Öffentlichkeit.

Viele aus der dortigen Nachbarschaft dürften an diesem Tag zusammengezuckt sein. Von fern ist am frühen Nachmittag Lärm zu hören gewesen, der allmählich näher gekommen ist. Nun ist es still. Plötzlich wieder Hektik. Polizisten rennen durch die enge Gasse. Einer schreit: „Mädchen, mach keinen Quatsch, gib auf!“[1] Schüsse fallen, dann herrscht wieder Stille. Eine junge Frau liegt tot auf dem Pflaster. Sie heißt Petra Schelm und ist das erste Todesopfer aus Reihen der RAF – in dem von ihr selbst ausgerufenen Kampf.

Es war die frühe Zeit der militanten Gruppe von links, nach der damals unter dem Namen „Baader-Meinhof-Gruppe“ gefahndet wurde. Lange noch vor Stockholm, Stammheim und Mogadischu. Bedeutende Teile der Bevölkerung nahmen die Gruppierung noch als Vereinigung romantischer Outlaws wahr, die als moderne Robin Hoods gegen Staat und Kapital kämpften. Eine Allensbach-Umfrage von 1971 kam zu dem Ergebnis, dass jede zehnte befragte Person in Norddeutschland den Gesuchten für eine Nacht Unterschlupf gewähren würde.[2]

Erst im Jahr zuvor war die RAF erstmals ins Licht der Öffentlichkeit getreten. Andreas Baader, verurteilt wegen eines Brandanschlags auf ein Frankfurter Kaufhaus, war mit Waffengewalt aus der Haft befreit worden. Die Aktion, die drei Verletzte forderte, kann als Geburtsstunde der Vereinigung gesehen werden. Anschließend hatten Baaders Gleichgesinnte und er im Nahen Osten eine Grundausbildung im bewaffneten Kampf erhalten. Zurück in der Bundesrepublik, legte sich die junge RAF eine „Kriegskasse“ zu: Gemeinsam mit der Bewegung 2. Juni erfolgte ein Überfall auf drei Banken in Westberlin. Allmählich wurde die Terrorgruppe bekannter und schärfte ihr PR-Profil. Bald war ihr Logo in der Bevölkerung bekannt: Ein fünfzackiger Roter Stern, hinter der Maschinenpistole MP5 von Heckler & Koch. Parallel dazu skizzierte die RAF ihre politischen Ziele und Strategien.

Im Pamphlet „Das Konzept Stadtguerilla“ stellte die ehemalige Journalistin Ulrike Meinhof die Marschroute im April 1971 unmissverständlich klar: „Wir behaupten, dass die Organisierung von bewaffneten Widerstandsgruppen zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik und Westberlin richtig ist, möglich ist, gerechtfertigt ist. Dass der bewaffnete Kampf als ‚die höchste Form des Marxismus-Leninismus‘ (Mao) jetzt begonnen werden kann und muss, dass es ohne das keinen antiimperialistischen Kampf in den Metropolen gibt.“[3] Damit war dem Staat der Krieg erklärt. Hamburg sollte sich darin zu einem Hauptschauplatz entwickeln.

Die Hansestadt und die Geschichte der Roten Armee Fraktion sind eng miteinander verbunden. Hier lebte Meinhof lange Jahre im schicken Blankenese. Holger Meins, später Opfer eines Hungerstreiks der RAF-Inhaftierten, kam ebenfalls aus Hamburg. Petra Schelm dagegen lebte in Westberlin. Sie musste in der RAF darum kämpfen, ernstgenommen zu werden, über sie und ihr kurzes Leben ist nicht allzu viel bekannt.

Sie war eher eine Quereinsteigerin ins linke Milieu und hatte keinen akademischen Hintergrund, sondern das Handwerk der Frisörin erlernt. Zur RAF kam sie über ihren Partner Manfred Grashof, der vor dem Wehrdienst in die Mauerstadt getürmt war. Grashof stand in Kontakt zum Anwalt Horst Mahler, der Ende 1969 die Formierung der RAF forcierte. Schelm trauten die übrigen Terroristen offenbar zunächst nicht, sie wurde als Sicherheitsrisiko betrachtet.[4]

Nicht nur unter den selbst ernannten Freiheitskämpfern musste sie um Akzeptanz kämpfen. Auch sonst kollidierte ihr Lebensentwurf mit den biederen Realitäten der frühen 70er Jahre. Besonders ihre Eltern fremdelten mit dem Lebenswandel ihrer Tochter, die sich für die Hippiekultur begeistern konnte. Als sie Grashof heiraten wollte, verweigerten sie dem Anliegen ihre Unterstützung.

Vater Schelm erklärte später in einem Interview, der Schwiegersohn in spe habe sich beim Gespräch zur möglichen Hochzeit keinesfalls ungebührlich verhalten. Er habe aber schlicht „keinen verkommen aussehenden Schwiegersohn“ akzeptieren können.[5] Schelm folgte dem Irrweg in die Illegalität. Ihr Gesicht war weniger prominent als das von Baader, Meinhof oder Ensslin. Dennoch war sie sowohl beim Aufenthalt im Nahen Osten dabei als auch an den Banküberfällen beteiligt.

Dass Schelm nur eine Randfigur war, so wirkt es ebenso in „Der Baader-Meinhof-Komplex“, der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Stefan Aust aus dem Jahr 2008. Die von Alexandra Maria Lara gespielte Schelm hat keinen einzigen Satz im Skript. Das Setting rund um ihre Todesumstände ist allerdings wenig akkurat: Offensichtlich erlag die Regie der Versuchung, Hamburg maritim zu inszenieren. Weder fand die Schießerei tatsächlich auf einer Brücke statt, noch erfolgten Verfolgungsjagd und Todesschuss in Wassernähe. Die misslungene Flucht per Auto entspricht allerdings der Realität.

Für den 15. Juli 1971 hatte die Polizei eine Großaktion geplant. Im gesamten norddeutschen Raum errichtete sie Straßensperren und führte Kontrollen auf der Suche nach RAF-Angehörigen durch. Besonders im Fokus waren dabei Fahrzeuge des Herstellers BMW. Diese waren bei den Gesuchten dermaßen beliebt, dass sich im Volksmund der Witz verbreitete, die Abkürzung stünde für „Baader-Meinhof-Wagen“.[6] Das Münchener Unternehmen machte sich dies übrigens 1973 für eine Werbekampagne zunutze. Slogan für den BMW 525: „Die Revolution von oben – Er sprengt die bestehende Klassenordnung.“[7]

In einem BMW-Fahrzeug dieses Typs gingen Schelm und Hoppe in die Falle (Quelle: Beemwej, CC-BY-SA DE 3.0, 2002_ti_PL.JPG (2048×1536) (wikimedia.org))

Mit einem BMW 2002 ti sind Schelm und Werner Hoppe an jenem Tag in Hamburg unterwegs. Um 14.15 Uhr will die Polizei sie in Bahrenfeld kontrollieren. Womöglich in einer Kurzschlusshandlung gibt Schelm Gas, die Polizei reagiert umgehend. Ein Peterwagen überholt den BMW, stellt sich quer und bremst die Geflüchteten aus. Chaotische Szenen, schon fallen die ersten Schüsse, laut Polizei aus den Waffen der beiden BMW-Insassen. Alle gehen ins Leere.

Hoppe und Schelm flüchten zu Fuß weiter und entkommen der Staatsmacht zunächst. Über eine Kreuzung setzen sie sich in die Reineckestraße ab. Hoppe rennt weiter, Schelm versteckt sich in einer Hofeinfahrt. Die Konfrontation scheint vorerst beendet, auch Petra Schelm selbst wittert scheinbar ihre Chance und kommt aus ihrem Versteck. Ein Mantel über dem Arm verbirgt ihre belgische FN-Pistole. Als Polizisten sie entdecken, könnte sie einfach aufgeben. Doch sie eröffnet den finalen Schusswechsel. Eine Kugel trifft sie unterhalb des linken Auges, laut einem Passanten leistet niemand Erste Hilfe.[8] Hoppe wird wenige Meter weiter verhaftet. Im Chaos des Tages kommt es derweil zu Irritationen.

Denn die Deutsche Presseagentur ging zunächst von einer anderen toten Terroristin aus: Sie vermeldete an jenem Tag den Tod von Ulrike Meinhof. Nach einigen Minuten hatte die dpa ihren Fehler korrigiert. Die Zeit grenzte derweil den Todesschuss treffend von vorherigen Ereignissen ähnlicher Art ab: „Der Fall Petra Schelm ist nicht dem Fall Ohnsorg [sic], die Tat des Hamburger Schützen nicht der seines Berliner Kollegen Kurras vergleichbar. Wer hier von politischem Mord redet, setzt sich dem Verdacht aus, daß er den Tod jedes Polizisten für einen Gewinn hält.“[9]

Wie später auch bei anderen ums Leben Gekommenen, stilisierte die RAF Schelm zur Märtyrerin für ihre Sache. Sie wurde zur Namensgeberin für eine ihrer Anschlagsoperationen. Als am 11. Mai 1972 auf dem Gelände des Hauptquartiers des V. Korps der US-Streitkräfte in Frankfurt mehrere Bomben hochgingen und ein Offizier ums Leben kam, bekannte sich dazu die RAF unter dem Namen „Kommando Petra Schelm“. Es war Teil der sogenannten Mai-Offensive im Frühjahr 1972, die Aktionen wurden immer brutaler.

Für den Tod von Schelm hatte sich die RAF schon im Herbst 1971 in Hamburg auf blutige Art „revanchiert“: Bei einer Personenkontrolle am 22. Oktober vor dem Alstertal-Einkaufszentrum fielen erneut Schüsse in der Hansestadt. Kurz darauf war Polizeimeister Norbert Schmid tot. Es war der erste Mord der RAF gewesen. Keine Propaganda konnte mehr ihr verbrecherisches Antlitz verhüllen. Noch über 30 weitere Male sollte sie Menschen das Leben nehmen. Schelms Freund Grashof wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem er den Polizisten Hans Eckhardt erschossen hatte. Die Gewaltspirale drehte sich immer schneller. Auch Petra Schelms Weg hätte höchstwahrscheinlich im Gefängnis geendet.

Denn nach den intensiven Fahndungen der Polizei saßen ab Mitte 1972 praktisch alle Köpfe der RAF hinter Gittern. Anders als die erste Generation der Terroristen, die noch eindeutige Ziele, wie die Beendigung des US-amerikanischen Militäreinsatzes in Vietnam verfolgte, sollte die zweite Generation ihren Sinnzweck nur noch aus der Befreiung der bereits Inhaftierten herleiten.[10] In der Reineckestraße dagegen tat sich in all den Jahren nicht viel.

Heutiges Gedenken an den Tag im Juli ´71 sucht man als Interessierter hier vergebens. Kein Gedenkstein oder eine Plakette an der Hauswand erinnern an diesen Wendepunkt der Nachkriegszeit. Es herrscht wieder Stille in der schmalen Gasse. Genau wie vor den Schüssen im Sommer vor 50 Jahren.

Literatur und Quellen:


[1] Kennwort Kora. In: Der Spiegel. Nr. 30. 1971. S. 28-31. Hier: S. 29.

[2] Politische Überzeugung. In: Der Spiegel. Nr. 31. 1971. Online zu finden unter: https://www.spiegel.de/politik/politische-ueberzeugung-a-1f1c34cd-0002-0001-0000-000043176660?context=issue, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[3] Das Konzept Stadtguerilla. Siehe: https://socialhistoryportal.org/sites/default/files/raf/0019710501_7.pdf, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[4] https://www.spiegel.de/geschichte/anfaenge-der-raf-a-947270.html, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[5] Aust, Stefan. Baader-Meinhof-Komplex. München. 2020. S. 309.

[6] Stern, Klaus. Terrorist ohne Führerschein. Siehe: https://www.spiegel.de/geschichte/raf-a-948479.html, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[7] https://www.zeit.de/auto/2012-02/bmw-5er-auto-klassiker/komplettansicht, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[8] Kennwort Kora. In: Der Spiegel. Nr. 30. 1971. S. 30.

[9] „Die Jagd geht weiter…“ In: Die Zeit. Nr. 30. 1971. Online verfügbar unter: https://www.zeit.de/1971/30/die-jagd-geht-weiter, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[10] Glaab, Sonja. Die RAF und die Medien in den 1970er Jahren. In: Dies (Hg.). Medien und Terrorismus. Auf den Spuren einer symbiotischen Beziehung.. Berlin. 2007. S. 31-51. Hier: S. 36.

Von Gottorf aus in die weite Welt

Isfahan in Persien, wie es Olearius in einer Reisebeschreibung darstellte
(Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/84/Isfahan_olearius.jpg)

Vor 350 Jahren starb Adam Olearius, der Universalgelehrte ist heute fast vergessen. Zu Lebzeiten war er die intellektuelle Instanz am aufstrebenden Fürstenhof in Gottorf. Sein größtes Abenteuer startete er 1633, es sollte ihn in ein fernes Land führen. – Von Florian Tropp

1800 Kilometer sind es von Schleswig nach Moskau, per Luftlinie. Bis nach Isfahan dagegen noch eine ganze Menge mehr. Die Reisegesellschaft aus Mitteleuropa, die zunächst die Hauptstadt des Zarenreichs im Sommer 1634 erreichte, war sicherlich froh, endlich Rasten zu können. Doch die etwa 120 Personen[1] hatten noch einen weiten Weg vor sich. Immer weiter trieb sie der Auftrag ihres Herzogs in Richtung Orient. Unter ihnen: Adam Olearius.

Mitte 30 war er, als für ihn das große Abenteuer begann. Er sollte derjenige sein, der die Erlebnisse literarisch verarbeiten würde. Das ehrgeizige Ziel der Expedition war es, das Herzogtum Gottorf über Persien an den Handel mit Fernost anzubinden. Manch kühner Fantast sah sogar die Chance, die auf diesem Feld übermächtigen Niederländer von ihrer dominierenden Stellung verdrängen zu können.[2]

Als Sekretär hatte Olearius die Aufgabe, den Fortgang der Reise für seinen Landesherrn zu dokumentieren. In dessen Dienst war er erst seit kurzem, er stammte nicht aus den Ländereien zwischen Nord- und Ostsee. Sein Geburtsort war Aschersleben am Rand des Harzes. Das Studium der Mathematik und Philosophie hatte er in Leipzig absolviert. Selbst für einen gebildeten Menschen wie ihn, war es ein Aufbruch ins Ungewisse.

Allzu viel war in den deutschen Landen nämlich nicht bekannt über die Regionen weit im Osten. Gut informiert waren Gelehrte und Kaufleute im Reich zwar über Vorgänge im Baltikum, denn der Weg über die Ostsee war vergleichsweise kurz. Je weiter eine Reisegruppe dann aber in Richtung Moskau oder gar Mittlerer Osten vorstieß, umso weiter gelangte sie in für sie unbekannte Gegenden. Einen ersten detaillierten Bericht über Russland hatte, ungefähr einhundert Jahre früher, der Diplomat Siegmund von Herberstein angefertigt. Er hatte im Auftrag der Habsburger mehrfach den Hof der Moskauer Großfürsten besucht und mit seinen Reiseberichten das Russlandbild im Reich maßgeblich geprägt. Viele weiße Flecken auf der Landkarte hatte er getilgt. Die Menge der im Westen namentlich bekannten russischen Flüsse und Dörfer vervierfachte sich nach Erscheinen seiner Aufzeichnungen.[3]

Nach Persien war 1628 bereits eine englische Delegation gelangt, worüber der mitreisende Gelehrte Thomas Herbert schrieb. Abgesehen davon blieben Olearius und den übrigen Reisenden nur antike Quellen, um sich grob über die Region informieren zu können. So begann im Herbst 1633 der weite Weg. Otto Brüggemann, Kaufmann aus Hamburg, und der herzogliche Rat Philipp Crusius führten das Unternehmen an. Der Aufbruch im Winter war mit Absicht gewählt worden, so konnten Strecken an Land bequem per Schlitten auf zugefrorenen Flüssen absolviert werden.[4]

Jedoch sollten sie schneller als erwartet wieder an der Schlei eintreffen: Denn sie gelangten zwar ohne Probleme an den Hof in Moskau, weiter jedoch zunächst nicht. Zar Michael forderte nämlich ein Bekräftigungsschreiben des Herzogs aus Gottorf. Als die Gruppe im Herbst 1635, mit dem Dokument im Gepäck, erneut aufbrach, kam es schon auf der ersten Etappe über die Ostsee zum Desaster: Kurz vor Erreichen von Tallinn erlitten sie Schiffbruch, die Verluste an Menschen und Material waren aber offenbar gering. Jedoch ging eine wertvolle Uhr verloren, die als Geschenk für den Hof in Isfahan bestimmt war.[5] Es sollte nicht das letzte maritime Unheil sein.

Nach einem angenehmen Aufenthalt in Moskau ging es weiter in Richtung Süden. Der Zar stellte sogar 30 Bewaffnete, die den Gottorfern Schutz bieten sollten. Gegen Seenot konnten sie jedoch wenig ausrichten; im Kaspischen Meer geriet die Mission erneut in Gefahr. Ihr eigens für sie gebautes Schiff, auf den Namen ihres Herzogs „Friedrich“ getauft, ging unwiederbringlich verloren. Schon zuvor war die Stimmung nicht gut gewesen, war es doch an Bord zu einer kurzen Meuterei gekommen. Später auf der Reise notierte Olearius auch ein Duell innerhalb der Delegation, bei dem der Schotte Thomas Craig mit dem Degen tödlich verletzt wurde.

Der letzte Abschnitt der Reise bis nach Isfahan sollte sich lange hinziehen. In zahlreichen Städten machte die Reisegesellschaft Halt. Olearius verfeinerte in dieser Zeit offenbar seine Persischkenntnisse. Der Stopp in Kaschan bot ihm zudem Gelegenheit, der Leserschaft von den Skorpionen zu berichten, die ihnen an vielen Orten im Nahen Osten begegneten. Auf der Rückreise sollte der Autor selbst direkte Bekanntschaft mit ihnen machen, als ein Tier ihn stach. Zum Glück kam er glimpflich davon, da ein Arzt im selben Raum wie er nächtigte.[6]

Zeitgenössische Darstellung von Olearius (Quelle: Https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f1/Adam_Olearius_%281603-1671%29_01.jpg)

Endlich, nach allen Strapazen, war Isfahan erreicht. Die Gottorfer waren nicht die einzigen Europäer dort, auch andere Großmächte hatten bereits ihre diplomatischen Missionen gesandt. Dennoch ließ Schah Safi die Norddeutschen vor. Die Gespräche verliefen freundlich, übersetzt wurde von portugiesischen Augustinermönchen. Fünf Monate verbrachten sie in der Metropole, die damals eine der größten der Welt war.[7] Genaue Beschlüsse wurden offenbar nicht gefasst, der persische Machthaber entbot Herzog Friedrich aber seinen Gruß und kündigte den Gegenbesuch seiner Bediensteten an.

Kann aus damaliger Sicht und zu diesem Zeitpunkt also von einem Fehlschlag der Mission gesprochen werden? Wohl eher nicht: Der Kontakt nach Isfahan war geknüpft, der Schah, von Olearius als strenger Regent charakterisiert, war von der Gesandtschaft aus dem fernen Land offenbar angetan. Überhaupt dass die Gottorfer Gruppe, einen kleinen Staat repräsentierend, vorgelassen worden waren, war angesichts der namhaften Konkurrenz bereits ein großer Erfolg. Es folgte der weite Weg zurück in die Heimat.

Nicht alle Reisenden kehrten jedoch ins heutige Schleswig-Holstein zurück: Der Adelige Johann Albrecht von Mandelslo nutzte die Gelegenheit und reiste auf eigene Faust weiter in Richtung Fernost. Er besuchte das indische Mogulreich und verfasste einen umfassenden Reisebericht, den Olearius nach Mandelslos frühem Tod veröffentlichen sollte.

Die Zerwürfnisse wurden derweil auf der Heimreise immer größer. Insbesondere Otto Brüggemanns Führung verursachte bei seinen Mitstreitern immer wieder Irritationen. Offenbar war er, der hochfliegende Pläne rund um die Expedition verfolgt hatte, enttäuscht von dem in Isfahan Erreichten. Brüggemann versuchte gar in die lokale Politik einzugreifen und wollte einen mitreisenden Würdenträger des Zaren überzeugen, eine Region mit besonders großer Seidenproduktion dem Reich seines Herrn einzuverleiben. Olearius hatte genug gesehen, er reiste von nun an auf eigene Faust und erreichte Gottorf vor der restlichen Gruppe, die im Sommer 1639 heimkehren sollte.

Dort folgte ein juristisches Nachspiel, das die Geschehnisse rund um die vielen Probleme der Reise aufarbeitete. Im Mittelpunkt stand wiederum Brüggemann. Von ihm zeichnete auch Olearius in seinen Reiseberichten ein sehr negatives Bild. Dieser Ansicht war offenbar auch Herzog Friedrich, der den Hamburger Kaufmann zum Sündenbock erklärte. Gemäß Urteil fand er den Tod durch das Richtschwert.

Der Gegenbesuch einer persischen Delegation in Schleswig sollte keine weiteren Ergebnisse bringen, ein konkreter Deal zwischen Gottorf und Isfahan blieb Utopie. Offenbar hatten sich andere europäische Mächte schon lukrative Deals gesichert, allen voran die Niederländer. Die Seidenproduktion der Perser scheint aber auch zu gering gewesen zu sein, als dass sie für Herzog Friedrich hätte profitabel sein können.[8]

Für Olearius zahlte die Reise sich dennoch aus: In Gottorf wurde der Gelehrte mit Ehren überhäuft und konnte ungestört seinen zahlreichen intellektuellen Interessen nachgehen. Formell war er Hofmathematiker seines Herzogs. Darüber hinaus boten sich ihm zahlreiche weitere Betätigungsfelder. So gab er eine Gedichtsammlung seines früh verstorbenen Freundes Paul Fleming heraus. 1654 lieferte er sein mathematisches Meisterstück: Er konstruierte einen von innen begehbaren Globus mit über drei Metern Durchmesser.

Olearius‘ Begeisterung für Persien blieb, trotz aller Entbehrungen auf dem Zug nach Osten, auch danach weiterhin stark. So übersetzte er die Gedichtsammlung „Golestan“ des persischen Dichters Sa’Di aus dem 13. Jahrhundert, was für seine hervorragenden Sprachkenntnisse spricht. Als Goethe, knapp 200 Jahre später, seine Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“ verfasste, ließ er sich zunächst von Olearius‘ Werken über Persien inspirieren.[9]

Der Dichterfürst aus Weimar stand mit seiner Wertschätzung der orientalischen Reisebeschreibung nicht alleine da. Die „Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste“ von 1832 beschrieb das literarische Ergebnis der Gottorfer Reise immer noch als Standardwerk über Persien.[10]

Literatur:

  • Berry, Brian J. L. Urbanization. In: Marzluff, John M. et al. (Hgg.). Urban Ecology. An international perspective on the Interactions between Humans and Nature. Washington. 2008. S. 25-49.
  • Brancaforte, Elio C. Die Visualisierung Persiens. Der Persianische Rosenthal (1654) in Wort und Bild. In: Kramer, Kirsten; Baumgarten, Jens (Hgg.). Visualisierung und kultureller Transfer. Würzburg. 2009. S. 219-237.
  • Geier, Wolfgang. Russische Kulturgeschichte in diplomatischen Reiseberichten aus vier Jahrhunderten. Sigmund von Herberstein, Adam Olearius, Friedrich Christian Weber, August von Haxthausen. Wiesbaden. 2004.
  • Ed. Haberland, Detlef. Olearius, Adam. Moskowitische und persische Reise. Die holsteinische Gesandtschaft beim Schah 1633 – 1639. Stuttgart, Wien. 1987.
  • Olearius, Adam. Offt begehrte Beschreibung Der Newen Orientalischen Rejse. Schleswig. 1647.
  • Osterhammel, Jürgen. Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert. München. 1998. Neuauflage 2010.
  • Schilling, Heinz. 1517. Weltgeschichte eines Jahres. München. 2017.
  • Schmitz, Manfred-Guido. Der „Fall Otto Brüggemann“. Die Hinrichtung des Hamburger Kaufmanns im Spiegel der „Orientalischen Reise“ von Adam Olearius (1647). Nordstrand. 2011.
  • Strack, Thomas. Exotische Erfahrung und Intersubjektivität. Reiseberichte im 17. Und 18. Jahrhundert. Adam Olearius – Hans Egede – Georg Forster. Paderborn. 1995.. 2006.

[1] Geier, Wolfgang. Russische Kulturgeschichte in diplomatischen Reiseberichten aus vier Jahrhunderten. Sigmund von Herberstein, Adam Olearius, Friedrich Christian Weber, August von Haxthausen. Wiesbaden. 2004. S. 71.

[2] Ed. Haberland, Detlef. Olearius, Adam. Moskowitische und persische Reise. Die holsteinische Gesandtschaft beim Schah 1633 – 1639. Stuttgart, Wien. 1987. S. 19.

[3] Schilling, Heinz. 1517. Weltgeschichte eines Jahres. München. 2017. S. 78.

[4] Ebd. S. 70.

[5] Ed. Haberland. Moskowitische und persische Reise. S. 25.

[6] Olearius, Adam. Offt begehrte Beschreibung Der Newen Orientalischen Rejse. Schleswig. 1647. S. 372.

[7] Im Jahr 1700 lebten in Isfahan schätzungsweise 350.000 Personen, Hamburg hatte zeitgleich erst eine Einwohnerzahl von 63.000. Siehe: Berry, Brian J. L. Urbanization. In: Marzluff, John M. et al. (Hgg.). Urban Ecology. An international perspective on the Interactions between Humans and Nature. Washington. 2008. S. 25-49. Hier: S. 27.

[8] Brancaforte, Elio C. Die Visualisierung Persiens. Der Persianische Rosenthal (1654) in Wort und Bild. In: Kramer, Kirsten; Baumgarten, Jens (Hgg.). Visualisierung und kultureller Transfer. Würzburg. 2009. S. 219-237. Hier: S. 223.

[9] Osterhammel, Jürgen. Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert. München. 1998. Neuauflage 2010. S. 143.

[10] Ed. Haberland. Moskowitische und persische Reise. S. 25.

Hexenwahn im Wirtschaftswunderland

Hexen als Teil lokaler Folklore: „Hexentanzplatz“ in Hanstedt in der Lüneburger Heide
(Quelle: Ingelore Jebens, siehe: www.Lueneburger-heide.de)

Die Angst vor Hexen gehört heute zum Bild einer unaufgeklärten Zeit. Jedoch verschwand der Wahn um sie keineswegs mit dem Einzug der Moderne aus Norddeutschland. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte er sich im ländlichen Raum. Behörden und engagierte Persönlichkeiten kämpften gegen den Aberglauben in den Dorfgemeinden an. – Von Florian Tropp

Man kennt sie heute als comicartige Figur. Die alte Frau mit gebücktem Rücken, krummer Nase, spitzem Hut und fliegendem Besen. Im Harz lockt sie vielerorts Touristen in den Urlaub. Ihr Bild ist positiv besetzt, sie gilt geradezu als Symbol der Emanzipation und eines Lebens im Einklang mit der Natur.

Vor 70 Jahren dagegen dominierte noch eine ganz andere Charakterisierung. Ängstlich schlichen manche Dorfbewohner nachts um ihre Häuser und versuchten denjenigen nachzuspüren, die mit dem Teufel im Bunde stünden. Wer von den Nachbarn als „Hexe“ identifiziert worden war, der war aus der sozialen Gemeinschaft ausgestoßen und konnte kaum wieder Fuß fassen. Wie war es möglich, dass sich der naive Volksglaube so lange hielt?

Ganz weg war er nie gewesen, die Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit hatte sich, im wahrsten Sinne des Wortes, tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Norddeutschland war zwar (mit Ausnahme Mecklenburgs) keine Region besonders energischer Hexenverfolgung. Doch auch hier standen Personen wegen des Vorwurfs des Paktes mit dem Teufel vor Gericht.

Das Kriegsende 1945 brachte schließlich fundamentale soziale Umwälzungen mit sich, viele Menschen waren entwurzelt und fanden keinen Halt. Vor allem in Schleswig-Holstein und Niedersachsen, ließen sich zahlreiche Geflüchtete aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nieder.

Jüngst erschienen ist die Monografie der US-Historikerin Monica Black, die sich in ihrem Werk „A Demon-Haunted Land“ mit dem verblüffenden Erfolg von Wunderheilern und dem Hexenwahn in der unmittelbaren (bundes-) deutschen Nachkriegszeit befasst. Black deutet in ihrer Studie die Hinwendung zum Übernatürlichen als Neuorientierung der Bevölkerung nach dem Ende des Nationalsozialismus und als Verschließen der Augen vor der eigenen Schuld am Holocaust.[1]

Die Hysterie jener Jahre war dabei keineswegs auf Gegenden fernab des urbanen Lebens beschränkt. Auch in Städten fanden Wunderheiler begeisterte Anhänger. Der bekannteste war Bruno Gröning, der in der gesamten Bundesrepublik Aufsehen erregte. Tausende pilgerten zu den Orten in denen er Halt machte, um sich von dem Mann heilen zu lassen, durch den ein göttlicher Strom fließen sollte. Die Behörden hegten Argwohn gegenüber seinem Treiben, die langfristige Heilung der Hilfesuchenden wurde in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Doch bis heute halten sich Gefolgsleute des Gurus.[2]

In der norddeutschen Provinz waren derweil Mittel, die Abhilfe gegen Schadenzauber versprachen, überaus beliebt. Apotheken und Drogerien hatten sie häufig im Angebot, wie das Hamburger Abendblatt fassungslos feststellte und kommentierte, „daß viele Drogerien wieder das „Gegen-aller-Menschen-Ärgernis-Präparat“ verkaufen. Eine vertrocknete Wurzel, einer Dahlienknolle ähnlich. Sie „hilft“ gegen böse Geister – für 25 Pf.! Die Drogisten hatten viele Jahre das Kraut nicht geführt, bis sich ein Sturm der Entrüstung erhob. Sie mußten den „Artikel“ wieder aufnehmen.“[3] Auch andere Produkte mit mystisch klingenden Namen wie „Drachensud“ oder „Teufelsdreck“ waren in Dithmarschen oder der Lüneburger Heide noch lange Jahre äußerst begehrt.

Überregionale Medien berichteten häufig über die sonderbaren Auswüchse dieses Wahns. Große Wellen schlug 1951 der Prozess gegen den Bauern Johannes Bading aus Barum in der Lüneburger Heide. Die Badings waren schon vor dem Krieg eine der wohlhabendsten Familien im Ort gewesen, so besaß die Familie ein Auto und Tochter Irma viel Schmuck.[4] Als eines seiner Pferde erkrankte, vermutete der Bauer, es sei verhext worden. Er konsultierte daraufhin Fachleute für Übernatürliches, die gegen den dunklen Zauber Abhilfe schaffen sollten.[5] Bading klebte auf deren Rat hin sämtliche Öffnungen auf dem Hof gegen vermutete giftige Dämpfe ab. Alsbald verdächtige er die Familie des Postboten, sich gegen ihn verschworen und das Vieh verhext zu haben.

Schnell verdächtigte er weitere Mitglieder der Dorfgemeinschaft. Im Umkehrschluss grenzten die Nachbarn die Badings tatsächlich aus ihrer Gemeinschaft aus, da niemand Weiteres von ihnen verdächtigt werden wollte. Vor Gericht landete der Fall, als der Streit zwischen Bading und dem Postboten eskalierte. Der Landwirt verletzte ihn mit einer Schaufel schwer, vor Gericht kam er mit einer Geldstrafe von 300 DM davon.[6] Im Jahr darauf kam es zu einer weiteren Gewalttat. Die Eltern Bading starben kurz darauf, zurück blieb die Tochter, die seelisch von der nächtlichen Hexenjagd auf dem Hof und der Schikane im Dorf gezeichnet war. Sie verbrachte einen großen Teil ihres Lebens in diversen psychiatrischen Einrichtungen und fand nie wieder zu einer eigenständigen Existenz zurück.[7]

Solche Schicksale waren keine Ausnahmen. Allein im Jahr 1950 waren vor dem Gericht in Lüneburg mehr als ein Dutzend Fälle ähnlicher Art verhandelt worden.[8] Spektakuläre Taten sorgten für Entsetzen und längst nicht alle von diesen dürften dokumentiert worden sein. An manchen Orten im Norden kam es zu Selbstmord und Totschlag, allein weil der Glaube an Hexen Menschen in die Verzweiflung getrieben hatte.

Bundesweit boten Apotheken noch in den 1960ern allerlei „Mittel“ gegen Hexen an (Quelle: SWR)

Ein Mann stellte sich dem Hexenwahn der 50er Jahre couragiert entgegen: Johann Kruse, Lehrer aus Hamburg-Altona, war ein überzeugter Verfechter des säkularen Staates und Gegner jedweden Spiritismus, die Hexenbanner begriff er als seine natürlichen Feinde. Der gebürtige Dithmarscher besuchte die menschenarmen Regionen des Nordens und agitierte vor Ort auf eigene Faust gegen die Furcht der Bevölkerung.

Insbesondere versuchte er juristisch die Verlegung des 6. und 7. Buchs Moses zu unterbinden, das in der damaligen Bundesrepublik viel Publikum fand. Vornehmlich enthielt es abergläubische Ratschläge gegen allerlei Übel. Kruse sah es als Unheil an, das allen Hexenbannern und ihren Gefolgsleuten als Berechtigung diene und damit den modernen Hexenwahn begründete.[9]

Kruse war den Printmedien als beliebter Gesprächspartner bekannt. Er galt als Fachmann und engagierter Aktivist, der leidenschaftlich für seine Ziele stritt. Sein Hauptwerk war 1951 unter dem Titel „Hexen unter uns?“ erschienen. Darin brachte Kruse die soziale Praxis der Ächtung in der dörflichen Gemeinschaft auf den Punkt. Jede Person konnte für jedwedes Unheil verantwortlich gemacht werden, denn nach Auffassung in vielen Dörfern gebe es „kein Unglück, an dem nicht eine Hexe schuld sein könnte.“[10] Der Titel von Kruses Werk bildete dabei implizit eine Parallele zur Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung im Nationalsozialismus und der Brandmarkung vermeintlicher Hexen in den Gemeinden. 1946 war unter dem Titel „Die Mörder sind unter uns“ ein Spielfilm erschienen, der sich als allererster mit der Frage der deutschen Schuld an Weltkrieg und Völkermord befasste. In Altona baute Kruse sein „Archiv zur Erforschung des modernen Hexenwahns“ auf, in dem der Mystizismus seiner Zeit für die Nachwelt festgehalten wurde.

Auch 1956 sollte Kruse zugegen sein, als in Sarzbüttel in Dithmarschen Waldemar Eberling vor Gericht stand, einer der prominentesten Hexenbanner seiner Zeit. Selbst die Wochenschau schickte Kamerateams, die den Prozess auf Zelluloid bannten. Aufgrund des großen Interesses fand er größtenteils in örtlichen Wirtshäusern statt, ein Inhaber freute sich bereits bei einer früheren Verhandlung über einen Umsatz wie sonst bestenfalls zu Erntedank.[11] Aufgrund der Zeugenaussagen wurde deutlich, dass Eberling bei der lokalen Bevölkerung überaus angesehen war und er für sie eine wichtige Vertrauensperson darstellte.

Wie in anderen Fällen, wenn Hexenbanner für ihr Handeln vor Gericht standen, konnte auch in Sarzbüttel ein Urteil nur wegen Verstößen gegen das Heilpraktikergesetz erfolgen, dazu kam ein Fall von Verleumdung. Der Richter verhängte ein Strafmaß von vier Monaten Haft, die zur Bewährung ausgesetzt wurden und 400 DM Geldstrafe gegen den Hexenbanner.

Eberlings Popularität sollte das Urteil keinen Abbruch tun. In späteren Jahren wurde er bei sich zu Hause in Nordhastedt weiterhin regelmäßig um Rat in Hexenangelegenheiten gebeten. Zahlreiche Autos mit dänischen Kennzeichen legten Zeugnis davon ab, dass sein Ruf ihm auch jenseits der deutschen Grenze vorauseilte.[12] Kruse kämpfte weiter für die Aufklärung und gegen den Aberglaube – bis zu seinem Tod 1983. Sein Archiv ging anschließend in den Besitz des MARKK in Hamburg, des damaligen Völkerkundemuseums über, wo es derzeit im Depot eingelagert ist.

Global ist ein Kampf gegen den Hexenwahn weiterhin bitter notwendig, denn noch immer kommt es zu Fällen von Anschwärzen, Ausgrenzen und Gewalttaten gegen Menschen, denen der Umgang mit schwarzer Magie vorgeworfen wird. Am 10. August 2020 fand daher erstmals der „Internationale Tag gegen den Hexenwahn“ statt, ausgerufen vom katholischen Hilfswerk missio.[13]

Wann genau der Hexenwahn der deutschen Nachkriegszeit endete, ist schwer zu sagen. Apotheken und Drogerien nahmen die Heilmittel gegen Schadenzauber allmählich aus dem Sortiment. Es wäre aber verfehlt zu sagen, dass der Hexenglaube in Deutschland gänzlich verschwunden sei, er hat sich lediglich transformiert. Denn Esoterik ist heute ein Milliardenmarkt, der Alternativen zur technisierten rationalen Welt der Gegenwart bieten will.


Quellen

  • Himmelsbriefe und Hexensabbat. In Hamburger Abendblatt. 18. Mai 1951. S. 10.
  • Hamburger Lehrer gegen einen „Best-Seller“. In: Hamburger Abendblatt. 25. November 1953. S. 3.
  • Der Hexer von Sarzbüttel. In: Hamburger Abendblatt. 25. Mai 1955. S. 14.
  • Bis das Blut kommt. In: Der Spiegel. 1951. H. 14. S. 8-11.

 

Literatur

  • Black, Monica. A Demon-Haunted Land. Witches, Wonder Doctors, and the Ghosts of the Past in Post-WWII Germany. New York. 2020.
  • Kruse, Johann. Hexen unter uns? Magie und Zauberglauben in unserer Zeit. Hamburg. 1951.
  • Pintschovius, Hans-Joska. „Heute wie zu allen Zeiten…“ – Hexerei vor deutschen Gerichten. Harmening, Dieter (Hg.).; in Zusammenarbeit mit Bauer, Dieter R. Hexen heute. Magische Traditionen und neue Zutaten. Würzburg. 1991. S. 79-87.
  • Unverhau, Dagmar. „Hexen unter uns?“ – Die Vorstellungen eines modernen Kämpfers gegen Hexenwahn in der modernen Hexenforschung. In: Harmening, (Hg.).; mit Bauer, Dieter R. Hexen heute. S. 55-79.

[1] Black, Monica. A Demon-Haunted Land. Witches, Wonder Doctors, and the Ghosts of the Past in Post-WWII Germany. New York. 2020. S. 12-16.

[2] https://www.nzz.ch/zuerich/heilung-per-foto-wie-anhaenger-des-umstrittenen-bruno-groening-freundeskreises-in-zuerich-fuer-ihre-sache-werben-ld.1429432, zuletzt aufgerufen am 8.1.2021 um 17.00 Uhr.

[3] Himmelsbriefe und Hexensabbat. In Hamburger Abendblatt. 18. Mai 1951. S. 10.

[4] Pintschovius, Hans-Joska. „Heute wie zu allen Zeiten…“ – Hexerei vor deutschen Gerichten. Harmening, Dieter (Hg.).; in Zusammenarbeit mit Bauer, Dieter R. Hexen heute. Magische Traditionen und neue Zutaten. Würzburg. 1991. S. 79-87. Hier: S. 82.

[5] Bis das Blut kommt. In: Der Spiegel. 1951. H. 14. S. 8-11. Hier: S. 10.

[6] Himmelsbriefe und Hexensabbat. S. 10.

[7] Pintschovius,. „Heute wie zu allen Zeiten…“ In: Harmening (Hg.). Magische Traditionen. S. 82.

[8] Bis das Blut kommt. In: Der Spiegel. S. 12.

[9] Hamburger Lehrer gegen einen „Best-Seller“. In: Hamburger Abendblatt. 25. November 1953. S. 3.

[10] Kruse, Johann. Hexen unter uns? Magie und Zauberglauben in unserer Zeit. Hamburg. 1951. S. 12.

[11] Der Hexer von Sarzbüttel. In: Hamburger Abendblatt. 25. Mai 1955. S. 14.

[12] Black. A Demon-Haunted Land. S. 195.

[13] https://www.missio-hilft.de/mitmachen/glauben-teilen/glaubenszeugen/schwester-lorena-jenal/internationaler-tag-gegen-hexenwahn/, zuletzt aufgerufen am 8.1.2021 um 17.00 Uhr.

Pandemiebekämpfung anno 1529

Die Mediziner des 16. Jahrhunderts waren gegen den Schweiß weitgehend machtlos
(Aus einer Studie des Arztes Euricius Cordus von 1529. Quelle: Early books on medicine, natural sciences and alchemy. | Wellcome Collection, CC BY 4.0)

Das Coronavirus lähmt weltweit das öffentliche Leben. Es ist beileibe nicht die erste gesundheitliche Plage, die den Norden heimsucht. Cholera, Pest und andere Krankheiten forderten in großer Zahl ihre Opfer. Vor fast 500 Jahren grassierte hierzulande eine Seuche, die urplötzlich über die Menschen kam und bis heute Fragen aufwirft. – Von Florian Tropp

Gevatter Tod kam mit dem Schiff. Davon ahnten die Bürger Hamburgs nichts, als im Juli 1529 ein aus England kommendes Schiff unter Kapitän Hermann Evers im Hafen anlegte. An Bord hatte er nicht nur Handelsgüter, sondern auch ein Virus. Schon auf der Überfahrt waren zwölf seiner Seeleute verstorben. Es dauerte nicht lange, da grassierte sie auch in den Gassen der Hansestadt.[1]

Bald verspürten die Ersten Schüttelfrost und Kopfschmerzen, schnell folgten heftige Schweißausbrüche, die Erkrankten sollen einen beißenden Gestank verströmt haben. Kurz darauf bemerkten sie auch Herzrasen und mussten erbrechen, durch die Schweißausbrüche erfolgte eine massive Dehydrierung. Oft dauerte es anschließend nicht lange, bis die Betroffenen ins Koma fielen und danach verstarben. Englischer Schweiß, so nannten die Zeitgenossen im 16. Jahrhundert die mysteriöse Erkrankung. Wie ihr Name vermuten lässt, trat sie zunächst in Großbritannien auf – und 1529 war sie nicht das erste Mal zu beobachten.

In England herrschte in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Chaos, verschiedene Herrschergeschlechter rangen um die politische Macht, ihre Söldnerheere terrorisierten die einfache Landbevölkerung. Bei Bosworth in Mittelengland prallten im Sommer 1485 die Heere der Häuser York und Lancaster aufeinander, die rote Rose Lancasters triumphierte dabei über die weiße Rose Yorks. Verlieren aber sollte anschließend die gesamte Bevölkerung Englands.

Denn kurz darauf trat erstmals der Englische Schweiß in die Welt, der sich unter den Armeen schnell vermehrte. Er stellte die damalige Medizin vor ein Rätsel. In insgesamt fünf Wellen brauste die Plage über die britischen Inseln zwischen 1485 und 1551 hinweg.[2] Erst die Pandemie von 1529 aber sollte in nennenswertem Maße auch in Kontinentaleuropa Opfer fordern. Anders als bei vielen anderen Krankheitsverläufen waren es nicht etwa die Älteren und Gebrechlichen, die ihr zum Opfer fielen, sondern oftmals gesunde Menschen im besten Alter. In dieser Hinsicht glich die sonderbare Seuche der Spanischen Grippe, die vor 100 Jahren ebenfalls vornehmlich jüngere Menschen tötete.[3]

Darüber hinaus entstammten die meisten Todesopfer gehobenen sozialen Schichten, was schon damals auffiel und auf starken Widerhall im Volksmund traf. „Stoop-Gallant“ nannten viele Leute einfacher Herkunft sarkastisch die Krankheit, in Anspielung auf das zur Schau gestellte ritterliche Gehabe des damaligen Jetsets, der sich nun der Erkrankung beugen („to stoop“) musste. Bis ins englische Königshaus wütete der Schweiß, mehrere Prinzen fielen ihm zum Opfer und König Heinrich VIII. floh in Panik mit seinem Gefolge aus London.

Mit den Methoden ihrer Zeit waren die Mediziner dem neuen Krankheitsbild haushoch unterlegen. Es ist sogar nicht auszuschließen, dass ihre Bemühungen die Lage ihrer Patienten eher noch verschlimmerten. Die Plage suchten die Ärzte vielerorts dadurch zu heilen, dass sie die Erkrankten in mehrere Decken einwickelten, freilich ohne die Patienten vorher zu entkleiden. Da sie diese auch bei Harn- oder Stuhlgang nicht ablegen durften, ist der Gestank, den viele von ihnen verströmten, leicht zu erklären. Diverse Pulver und strenges Fasten sollten zu einer baldigen Heilung führen. Später lockerte man die rigide Praxis des Einwickelns, was auch zu einer größeren Chance auf Heilung führte.[4]

Davon zeugt auch eine norddeutsche Quelle aus damaliger Zeit: Johann Adolfi Köster, genannt Neocorus, war ein Ditmarscher Pastor und Chronist, der im 16. Jahrhundert die Geschichte seiner Heimat niederschrieb. Er erwähnt darin eine „unerhortte Suke (= Seuche)“, „Schwedtsucht edder Englische Sucht genömet“. Daran seien viele Menschen verstorben, davon sei ein großer Teil noch nicht älter als 24 Jahre gewesen, was den Chronisten sehr verwunderte. Allerdings stellte er auch fest, dass diejenigen, die sich nicht zu warm kleideten, eine bessere Chance auf Heilung besäßen.[5]

Die Mediziner der Frühen Neuzeit räumten bei der Beschreibung des Englischen Schweißes den Körpersekreten auffällig viel Platz ein. Dies verwundert jedoch nur bedingt: Die vormoderne europäische Medizin basierte auf der sogenannten Vier-Säfte-Lehre, die der griechische Arzt Galen schon in der Antike aufstellte. Demnach waren Krankheiten im Ungleichgewicht der vier Flüssigkeiten Blut, schwarze Galle, gelbe Galle und Schleim begründet.

Im Alltag der Menschen des 16. Jahrhunderts in England war die Sorge vor dem Schweiß allgegenwärtig. Shakespeare ließ in seinem Stück „Maß für Maß“ eine Kupplerin klagen: „So bringen mich denn teils der Krieg und teils das Schwitzen, und teils der Galgen, und teils die Armut um alle meine Kunden.“[6]

1529 traf es dann auch die deutschen Lande. Für Hamburg wird immer wieder eine Zahl von 1.100 Todesopfern durch den Schweiß genannt, bei damals erst 20.000 Einwohnern eine immense Zahl. Quelle für diese Summe ist der Hamburger Kirchenhistoriker Nicolaus Staphorst, der allerdings erst 200 Jahre später von den Ereignissen berichtete. Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts übernahmen seine Zahlen kritiklos.

Wie hoch die Opferzahlen wirklich waren, lässt sich heute nur noch bedingt rekonstruieren und konkrete Bezifferungen sind stets mit Vorsicht zu genießen. Indizien aber lassen Historiker Schlüsse über die Heftigkeit der Ausbrüche an verschiedenen Orten schließen. In Lübeck etwa, damals noch die „Königin der Hanse“ und der dominierende Standort des Ostseehandels, schoss die Zahl der aufgesetzten Testamente im Sommer 1529 in die Höhe. Die darin getroffenen Formulierungen lassen zudem erahnen, dass ein Großteil dieser Dokumente in aller Schnelle verfasst wurde, da sie schon kurz darauf vollstreckt werden würden.[7]

Ebenso fiel in Eckernförde eine nennenswerte Menge Menschen der Seuche zum Opfer. In Boizenburg starben laut damaligen Quellen 60 Personen. Dort ging schließlich auch die Residenz der Herzogs von Mecklenburg vorübergehend in den Lockdown und fast alle Beschäftigten wurden heimgeschickt. An der Universität in Rostock, der ältesten im Norden, waren 1529 keine Neueinschreibungen zu verzeichnen. Offenbar schreckte die Seuche viele Studierende ab.[8] Auch in Süddeutschland wurde der Schweiß registriert und dezimierte vielerorts die Stadtbevölkerung. In Italien und Frankreich allerdings brach er aber offenbar nur in geringem Maße aus.

Waren diese Hantaviren Auslöser der Pandemie?
(Quelle: Sin_Nombre_hanta_virus_TEM_PHIL_1136_lores.jpg (3060×2033) (wikimedia.org), Public Domain)

Welche Krankheit aber verbarg sich hinter dem Englischen Schweiß? Mediziner und Historiker diskutieren seit Langem darüber, an Hypothesen mangelt es dabei nicht. Dass die Diagnose heute immer noch aussteht, macht die Krankheit für den modernen Leser umso unheimlicher. Ohne Frage leistete die mangelhafte Hygiene der damaligen Zeit der Ausbreitung Vorschub, die oben erwähnten Behandlungsmethoden erschwerten eine Heilung sogar noch. Die Seuche trat stets im Sommer auf, wobei dieser in aller Regel feucht ausfiel.

Oftmals trat der Schweiß in geringem zeitlichen Abstand zur Pest auf. 1517 etwa folgte auf einen Schweißausbruch in London eine Pestepidemie, die auch bedeutend mehr Menschen tötete. Dennoch wussten die Menschen der Frühen Neuzeit genau zwischen den beiden Krankheitsbildern zu unterscheiden.[9]

Im engeren Kreis der verdächtigten Krankheiten befinden sich vor allem Ausprägungen der Grippe. Ebenso sind jedoch viele andere Vorschläge erwogen worden. Seit einigen Jahren vermuten Medizinhistoriker Hantaviren als Verursacher des Schweißes. Sie werden vorwiegend von Nagetieren auf den Menschen übertragen und die Infektion hat starkes Fieber mit möglichem Nierenversagen zur Folge. Bis heute treten sie global auf, allerdings steht am Ende des Krankheitsverlaufes in den seltensten Fällen der Tod. Demnach müssten die Hantaviren der Frühen Neuzeit weitaus virulenter gewesen sein. Nicht zuletzt, da es anscheinend nach Mitte des 16. Jahrhunderts keine akuten Ausbrüche mehr in Großbritannien gab. Die Indizien genügen letztlich nicht, um Hantaviren als Übeltäter überführen zu können.[10]

Wie der Schweiß in die Welt kam, so verschwand er plötzlich auch wieder. Die Hysterie, die er auslöste, erscheint uns Zeitzeugen der Corona-Pandemie nur allzu nah. Sowohl in der Ahnungslosigkeit der Bevölkerung des 16. Jahrhunderts über die Herkunft der Krankheit, als auch bei der Suche nach Methoden zur Heilung und der Praxis des Umgangs mit ihr, lassen sich Parallelen zur Gegenwart erkennen. So erscheinen uns die Menschen der Frühen Neuzeit in diesem Kontext heute viel näher, als man allgemein denken könnte.

Literatur und Quellen


[1] Gerste, Ronald D. Da half nicht mal die Flucht aufs Land. Siehe: https://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/schweisskrankheit-in-england-da-half-nicht-mal-die-flucht-aufs-land-13127006.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2, zuletzt aufgerufen am 04.12.2020 um 11.00 Uhr.

[2] Flamm. Heinz. Anno 1529 – der „Englische Schweiß“ in Wien, die Türken um Wien. In: Wiener Medizinische Wochenschrift. 2020. 170. S. 59-70. Hier: S. 60.

[3] Seewald, Berthold. Die Seuche die schneller tötete als die Pest. Siehe: https://www.welt.de/geschichte/article180675502/Englischer-Schweiss-Die-unbekannte-Seuche-die-schneller-toetete-als-die-Pest.html, zuletzt aufgerufen am 04.12.2020 um 11.00 Uhr.

[4] Flamm. Anno 1529. S. 62-64.

[5] Ed. Dahlmann, Friedrich Christoph. Neocorus. Chronik des Landes Dithmarschen. Aus der Urschrift herausgegeben von Prof. Friedrich Christoph Dahlmann. 2 Bde. Kiel. 1827. Bd. 2. S. 69.

[6] Shakespeare, William. Maß für Maß. Bearbeitet von Wolf Graf Baudissin. Berlin. 2015. S. 9

[7] Christiansen, John. The English Sweat in Lübeck and North Germany, 1529. In: Medical History. 2009. 53. 3. S. 415–424.

[8] Ebd. S. 418.

[9] Heyman, Simons, Cochez. Were the English Sweating Sickness. S. 159.

[10] Ebd. S. 163.

Hannovers große 153 Tage

Wahrzeichen der Expo 2000: Die gelben Gondeln der SeilbahN
(Quelle: Jürgen Götzke, CC-BY-SA DE 3.0, siehe: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c0/Expo2000_seilbahn1.jpg

20 Jahre ist es heute her, dass in Niedersachsens Landeshauptstadt die Expo ihre Tore schloss. Sie war mit hohen Erwartungen gestartet, die großen Hoffnungen konnte sie aber nicht erfüllen. Den meisten ist sie heute als finanzielles Desaster in Erinnerung oder gar völlig vergessen. Für den Autor dieser Zeilen war sie damals aber ein Sehnsuchtsort. – Von Florian Tropp

Wir waren wie der Kraftwerk-Expojingle
Kurz aber fatal
Wie ein Sonntagabend nach einer Landtagswahl
Ein Baum wächst schräg und ständig durch den deutschen Pavillon
Kanzler und Präsidenten
Singen im Niedersachsenstadion

(Thees Uhlmann, Was wird aus Hannover, 2019)[1]

Hannover ist nicht der große Hingucker. Die Metropole an der Leine hat ihren Ruf als graue Betonlandschaft ohne jeden Liebreiz weg. Jeder, der einmal am dortigen Hauptbahnhof angekommen ist und sich in der Innenstadt umgeschaut hat, der kann das verstehen. Zumal die nächste ICE-Haltestelle von Hamburg in Richtung Süden das pittoreske Göttingen ist, das mit Heimeligkeit und Studentencharme lockt.

Für mich war das im Sommer 2000 anders. Voller kindlicher Naivität blickte ich nach Niedersachsen. Vor meinem inneren Auge entfaltete sich ein bunter Kosmos aller Kulturen der Welt, geeint im Glauben an den Fortschritt in diesem neuen Jahrtausend. Das World Trade Center stand noch, dem Klima ging es vermeintlich prima. Mein gegenwärtiges Problem war damals sehr viel simpler und es ließ sich klar beziffern.

69 Deutsche Mark – so viel kostete eine Tageskarte für die Expo 2000 für Erwachsene.[2] Für einen knapp 10-jährigen war das eine Menge Geld, das sah ich ein. Davon hätte man schließlich viel Lego kaufen können und das war damals mein finanzieller Richtwert für so ziemlich alles. Dennoch dachte ich: So eine Weltausstellung würde es nur einmal in Deutschland geben, genau wie die Sonnenfinsternis im Jahr zuvor. Aber meine Eltern blieben davon unberührt.

Für sie standen der Hannover-Trip und seine Kosten in keiner Relation zu dem möglichen Erkenntnisgewinn. Ich wurde mit halbgaren Argumenten vertröstet, man könne ja davon viel anderes Schönes machen und so toll sei die Expo schon nicht. Ich musste mich wohl oder übel damit arrangieren. Denn mich alleine in die Bahn zu setzen, das traute ich mich dann doch nicht, auch wenn ein Ticket für Kinder nur 29 DM kostete.[3] Als tatsächlich ein Mitschüler die Expo besucht hatte und er stolz die Fotos zeigte („Hier, das war in der Sauna im finnischen Pavillon“), rang ich um meine Fassung.

Für weite Teile der deutschen Öffentlichkeit wäre mein Frust dagegen unverständlich gewesen. Denn die Weltausstellung war verschrien als finanzielles Loch ohne Boden, deren Konzept nichts mit der Wirklichkeit gemein hätte. Schon als ein Jahr zuvor der Werbe-Jingle vorgestellt wurde,  komponiert von niemand Geringerem als den deutschen Elektropionieren von Kraftwerk, hagelte es Spott. 400.000 DM hatte er gekostet, selbst der NDR als Medienpartner lehnte es ab, das kurze Klangexperiment zu senden.[4]

Die Hannoveraner Bevölkerung hatte 1992 in einem Referendum knapp der Veranstaltung zugestimmt. Die Organisatoren mühten sich die Öffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen, ein Großteil der Pavillons wurde auf dem Messegelände gebaut, wo die Nachnutzung von Anfang an gesichert schien. Um das Konzept zu charakterisieren wurde ein Begriff gebraucht, der damals noch vielen unbekannt war: „Nachhaltigkeit.“[5]

Mit großem Pomp erfolgte am 1. Juni die Eröffnung durch Bundeskanzler Gerhard Schröder, der zuvor bereits als niedersächsischer Ministerpräsident mit dem Projekt vertraut gewesen war. Auf 40 Millionen Besucher hofften die Organisatoren in Hannover, 155 Nationen präsentierten sich in Form individueller Pavillons. „Mensch, Natur und Technik – eine neue Welt entsteht“, so das Motto. Der technische Fortschritt am Beginn des dritten Jahrtausends und die damit verbundenen ökologischen Herausforderungen standen im Mittelpunkt und einige der Pavillons erhielten vielfältigen Beifall.

Schnell zum Wahrzeichen avancierte der „Expo-Wal“, für den diverse evangelische Organisationen verantwortlich zeichneten. Ebenso ein Hingucker: Der nach außen hin offene niederländische Pavillon, der auf mehrere Ebenen verschiedene Flora zeigte. Einen besonders guten Überblick konnte man sich aus einer der gelben Gondeln der Seilbahn verschaffen, die über das Ausstellungsgelände fuhr.

Noch heute in Benutzung: Der „Expo-Wal“
(QUELLE: Manfred Röben, CC-BY-SA DE 3.0, SIEHE: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8f/Pavillon_of_Hope_%28Manfred_R%C3%B6ben%29.jpg)

Trotz aller Innovation überwogen schnell negative Schlagzeilen, die erwarteten Besuchermassen blieben aus. Neben den Eintrittspreisen, die im Vergleich zu heutigen Tickets für Freizeitparks, Konzerte oder Sportereignisse moderat wirken, führte wahrscheinlich das schlechte PR-Management zum finanziellen Desaster, wie schon während der Weltausstellung das „Manager Magazin“ bilanzierte: „Eine Schar hochkarätiger Manager versagte, andere waren schlichtweg überfordert, und die Politik schaute zumeist weg. So wurde die Expo zu einem Lehrstück, wie kollektiver Starrsinn nahtlos in Missmanagement übergehen kann.“[6]

Als wäre das alles nicht schon genug an negativer PR gewesen, verewigte sich zudem einer der (zunächst) wenigen Expo-Besucher besonders denkwürdig, denn Ernst August von Hannover ließ sich dazu hinreißen, die blaublütige Blase am türkischen Pavillon zu entleeren. Dummerweise hielten Paparazzi die Szene für die Allgemeinheit fest. Der anschließende Kleinkrieg, den sich der Welfe mit der Bildzeitung über mehrere Tage lieferte, bewegte die Öffentlichkeit weit mehr als die Ausstellung selbst.

Es gelang den Organisatoren nicht, ein klares Konzept zu vermitteln. Das Design vieler Pavillons und die innovative Herangehensweise an Chancen und Probleme der Zukunft wurden allerorten gelobt. Es blieb unklar, ob die Expo „ein Vergnügungspark, ein großes Museum oder ein Naturreservat“ sein würde.[7]

Womöglich wurde der deutschen Weltausstellung auch zum Verhängnis, dass es hierzulande keine gewachsene Tradition für ihr Format gab. Die rauschenden Expos der Nachkriegszeit, etwa in Brüssel 1958 oder Sevilla 1992 waren hierzulande nur beiläufig wahrgenommen worden. Die Events, die auf das Hannoversche Intermezzo folgten, sollten ebenso wenig Resonanz in Deutschland erfahren. Erst mit der Einführung von billigeren Abendtickets, einige Wochen nach dem Start der Expo, stiegen die Besucherzahlen an und minderten das Minus leidlich.

Als allmählich in Hannover die Blätter von den Bäumen fielen und die Tage kürzer wurden, war es längst klar, dass tiefrote Zahlen unter der Budgetplanung stehen würden. Das Land Niedersachsen und der Bund versuchten, dem jeweils anderen möglichst viel der ausstehenden Gebühren aufzubürden. Am Ende musste buchstäblich nur noch alles raus: Schon Mitte Oktober, zwei Wochen vor dem Ende der Expo, begann der große Ausverkauf. Auf Versteigerungen konnte alles erworben werden. Von der Schreibtischplatte der Expo-Generalkommissarin Birgit Breuel über riesige Zeltdächer bis hin zu kompletten Restaurants, die finanziell nur knapp über die Runden gekommen waren, war alles zu haben.[8] Die bittere Bilanz: 18 Millionen Besucher kamen statt der geplanten 40 Millionen, das Minus belief sich auf 1,1 Milliarden DM.

Heute gibt das ehemalige Gelände ein sonderbares Bild ab, die Pavillons der Nationen variieren in ihrem Zustand stark. Einige von ihnen wurden nach Ende der Weltausstellung abgebaut und fanden in ihrem Heimatland eine neue Verwendung, unter anderem Portugal, Italien und Irland verfuhren so. Manche Gebäude sind heute noch in Benutzung und beherbergen Unternehmensfilialen oder Eventlocations.

Wiederum andere bilden nur noch eine traurige Kulisse: Litauens Pavillon, der seinem Aussehen nach einem umgekippten Briefkasten gleicht, steht seit 20 Jahren leer und ist zweimal ausgebrannt, inzwischen hat sich offenbar ein Käufer gefunden. Der bewunderte Pavillon der Niederlande ist ebenfalls ohne Nutzung und leidet unter Vandalismus. Nach zwei Jahrzehnten Leerstand steht seine Weiterverwendung nun endlich wieder auf der Tagesordnung der Baubehörde: In Kürze sollen dort Gastronomen, Studios und Büros Einzug halten, gegenüber soll Platz für insgesamt 380 Miniapartments entstehen.[9] Der türkische Pavillon verfällt allerdings weiterhin – vielleicht könnten die Welfen mit etwas finanzieller Unterstützung eine Renovierung einleiten.

Einige Enthusiasten, die sich die Euphorie des Jahres 2000 bewahrt haben, erinnern im Verein „Exposeeum“ an die Weltausstellung. Nach Ende der Veranstaltung richteten sie ein Museum ein, das den Geist dieses Sommers bewahren sollte. Vollmundig heißt es auf seiner Website: „Die EXPO2000 hat unter der Überschrift „Fremde werden Freunde“ ein neues Bild Deutschlands in der Welt als freundliches, aufgeschlossenes, tolerantes und auch zum Feiern fähiges Land geprägt. […] Die Vielfalt der Völker war unmittelbar greifbar in Hannover im Jahr 2000. Die Menschen haben den Schritt von der Theorie zur Praxis, vom „könnte“ und „sollte“ zum „ist“ getan.“[10] Im Alter von zehn Jahren hätte ich es wohl kaum anders formuliert.


[1] https://genius.com/Thees-uhlmann-was-wird-aus-hannover-lyrics, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[2] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/expo-2000-zaehne-zusammenbeissen/146048.html zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[3] http://szag.de/ticket.htm zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[4] https://www.welt.de/print-welt/article576187/Expo-Spot-wird-verspottet.html, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[5] https://www.zeit.de/wirtschaft/2010-06/expo-hannover/komplettansicht, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[6] https://www.manager-magazin.de/print/mm/d-17440478.html, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[7] http://content.time.com/time/world/article/0,8599,2051112,00.html, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[8] https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17596398.html, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[9] https://www.neuepresse.de/Mehr/Bauen-Wohnen/Gewerbeimmobilien/Der-Baustellencheck, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[10] https://www.expo2000.de/index.php/der-verein-exposeeum/ziele-des-exposeeums.html, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

Schleswig-Holsteins schwarzes Erbe

Alltag auf dem Land in Schleswig-Holstein im Jahr 1927
(Quelle: Hans Hartz, Stadtarchiv Kiel, CC-BY-SA DE 3.0)

Dunkle Banner mit Pflug und Schwert wehten vor 90 Jahren an Schleswig-Holsteins Deichen – die Landvolkbewegung der Bauern machte mobil. Sie kämpfte zunächst gegen Verteuerung und die schlechter werdenden Arbeitsbedingungen auf dem Land. Doch unter ihrer Flagge wurde schließlich im Norden der Boden für das Dritte Reich bereitet. – Von Florian Tropp

Die Bilder sind einprägsam: Landwirte rollten dutzendweise im Juni 2020 mit ihren Treckern über einen frisch gemähten Acker, unweit von Oldenswort im Amt Eiderstedt. Wohl orchestriert stellten sie sich auf, langsam wurde es dunkel. Nur aus der Luft und erst, als sie ihre Warnleuchten flackern ließen, wurde das ganze Bild deutlich.[1]

Die Fahrzeuge bildeten einen Pflug, durchkreuzt von einem Schwert. Ergänzend dazu formten sie die Initialen ihres Bundeslandes. Ein eindrucksvolles Bild. Aber eines, das vor allem Fragen aufwarf. Denn das Symbol war der Landvolkbewegung entlehnt, die im Land zwischen den Meeren einen berühmt-berüchtigten Ruf besitzt. Seit den 1920er Jahren flatterte die Fahne immer wieder in den ländlichen Gegenden Schleswig-Holsteins. Welcher Geist wohnt ihr inne?

Aufmarsch von Landwirten, die mit ihren Treckern das historische Logo der LandvolkbewegunG formten
(Quelle: JP Agrar)

Damals wie heute regt sich Unmut in der Agrarwirtschaft. Die Landwirte des Jahres 2020 fühlen sich gegängelt von Vorschriften und verspüren wenig Wertschätzung für ihre Arbeit durch die Verbraucher. Sichtbares Zeichen dafür sind die Grünen Kreuze. An diversen deutschen Landstraßen machen diese derzeit auf den Protest vom Lande aufmerksam.

Die wirtschaftliche Lage auf dem Land war vor fast hundert Jahren noch viel prekärer: Der Erste Weltkrieg und die Inflation in der jungen Weimarer Republik trafen die Bauern im Norden hart. Dazu kam ein technischer Rückstand im globalen Vergleich, Tierseuchen und Naturkatastrophen, die zu häufigen Missernten führten. Vom Ersten Weltkrieg erholte sich die Landwirtschaft in Schleswig-Holstein nur langsam, der Viehbestand erreichte erst 1927 das Vorkriegsniveau.[2]

Die Landvolkbewegung begann folglich als Protestbewegung gegen ökonomische Missstände. Insbesondere die Besteuerung der Angestellten im Agrarsektor rief Unverständnis hervor. Bald regte sich Widerstand gegen Steuerbeamte, Zwangsversteigerungen wurden konsequent gestört, zumeist hatte der Zivile Ungehorsam Erfolg. Dabei war die Widerstandsbewegung ein informeller Zusammenschluss, ohne eine klar definierte Hierarchie oder Struktur.

Am 28. Januar 1928 kam es zu einer unübersehbaren Machtdemonstration im Norden: Insgesamt 140.000 Bauern versammelten sich in den Städten Schleswig-Holsteins, speziell an der Westküste. So etwa 8.000 von ihnen in Husum und 10.000 in Heide, wo die Landwirte die Welt ihre Forderungen hören ließen: Die deutsche Wirtschaft solle autarker werden, der Staat möge den Bankensektor stärker regulieren und, nicht zuletzt, wurde eine „Stärkung des Deutschgefühls“ postuliert.[3] Die Bewegung der Wutbauern nahm erst richtig Fahrt auf.

Wilhelm Hamkens und Claus Heim sollten sich an ihre Spitze stellen. Beide waren politisch zuvor im Stahlhelm aktiv gewesen, einem republikfeindlichen Bund, der eng mit der nationalistischen Reichstagspartei DNVP verbunden war. Allmählich traten wirtschaftliche Forderungen in den Hintergrund, wichtiger wurden umso mehr gesellschaftspolitische Aspekte, mit einer unübersehbaren antipluralistischen, antiliberalen, völkischen und vor allem antisemitischen Stoßrichtung. Schnell war die Bewegung eng verbandelt mit zahlreichen rechtsradikalen Gruppen wie Stahlhelm, Artamanen, Tannenbergbund und der Organisation Consul, auf deren Konto mehrere politische Morde gingen.

Broschüren, die damals auf Versammlungen verteilt wurden, ließen wenige Fragen über das Feindbild der Bewegung offen: „Das Landvolk – kämpft gegen das jüdisch-parlamentarische System, also gegen diese Korruption und Kadavergehorsam, die Bruder- und Klassenkämpfe auslösen, kämpft gegen alle Verträge und Bindungen, die es wirtschaftlich vernichten und an das internationale Großkapital ausliefern.

Das Landvolk – bildet eine geschlossene Front Deutscher Frauen und Männer, ohne organisatorische Bindung, als Schicksalsgemeinschaft wie 1914; verweigert nach wie vor diesem System und seinen Handlangern jede Mitarbeit, von ihm geschlossene Verträge erkennt es nicht an […]. Dazu helfe uns Gott! Lewwer duad üs Slaav!“[4]

Die Flagge der Landvolkbewegung in den 1920er Jahren
(Quelle: Stadtarchiv Neumünster)

Juristische Folgen hatten die Aktivisten für derlei Ausfälle zunächst kaum zu befürchten, auch wenn der Staat zahlreiche Anklagen erhob. Dies betraf insbesondere Taten der Volksverhetzung: Im September 1929 wurden die drei Landwirte Guth, Peters und Wallichs wegen dieses Straftatbestandes vor dem Kieler Schöffengericht angeklagt.

Guth und Peters hatten auf einer Veranstaltung der Bauern im Dezember 1928 der jüdischen Bevölkerung in Deutschland „Tod und Verderben“ gewünscht bzw. die Weimarer Demokratie als „Judenrepublik“ geschmäht. Als einziger verurteilt wurde aber Wallichs, der – vergleichsweise harmlos – den Autoritäten gedroht hatte, man wolle ihnen künftig die „Bauernfaust zeigen.“[5]

Eine ähnliche Rhetorik fand sich in Publikationen, die den Kampf der Bauern instrumentalisierten und ihre politischen Ziele umrissen. Vor allem in diversen extra hierfür gegründeten Zeitungen wurde über die rebellierende Landbevölkerung berichtet. Eines der ersten Bücher über sie verfasste 1929 Peter Petersen, unter dem Pseudonym Jürgen Schimmelreiter. Petersen, damals bereits begeisterter Nationalsozialist und noch nach dem Krieg Landtagsabgeordneter der NPD, schrieb in seinem Werk „Unter der schwarzen Bauernfahne“, der Kampf des Landvolks sei „ein heiliger Krieg für Blut und Boden.“[6]

Das finstere Banner löste am 1. August 1929 gar eine Straßenschlacht aus, als die Polizei ebenjenes beschlagnahmen wollte: Eine Masse von 2000 Landwirten begrüßte Hamkens in Neumünster, wo er eine kurze Haftstrafe abgesessen hatte und nun wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Die schwarze Fahne der Aktivisten war an einer Stange befestigt, an deren Spitze eine Sense steckte, weswegen die Staatsmacht sie als Gefahr erachtete. Der Versuch, ihrer habhaft zu werden, ging nicht ohne massive Handgreiflichkeiten und Blutvergießen vonstatten.[7]

Der Widerstand der Landwirte wurde immer militanter. Ihre Hoffnung, dass in Berlin ihr Protest gehört würde, blieb unerfüllt. Also bunkerten Bauern im Geheimen Sprengstoff, um dem Staat gegenüber ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Kurz darauf knallte es in vielen Städten Schleswig-Holsteins. Acht größere Sprengstoffanschläge verübten Heim und seine Anhänger auf Verwaltungsgebäude zwischen Mai und September 1929. Es glich einem Wunder, dass niemand zu Schaden kam.

Ihren Höhepunkt hatte die Landvolkbewegung damit bereits überschritten. Heim und der Kreis um ihn wurde im August 1930 vor Gericht gestellt, nachdem sie durch eine Unaufmerksamkeit aufgeflogen waren. Paradoxerweise boten sowohl die NSDAP als auch die KPD Heim ein Reichstagsmandat an, dessen Immunität ihn geschützt hätte.[8] Er zog es vor zu einer siebenjährigen Gefängnisstrafe im Zuchthaus verurteilt zu werden, von der er aber nur knapp drei Jahre absitzen musste.

Die Inhaftierung der Köpfe der Landvolkbewegung erleichterte es aber der aufstrebenden NSDAP, das bäuerliche Milieu zu infiltrieren. Die lose Ansammlung der Bauern wurde von den straff organisierten Nationalsozialisten schnell aufgesogen, die politische Nähe war ohnehin offenkundig. So erhielt die NSDAP bei der Reichstagswahl im Juli 1932 die absolute Mehrheit in Schleswig-Holstein. Es war die erste Provinz des Reichs, in der ihr dies gelang. Die zahlreichen Bauernbewegungen in ganz Deutschland wurden nach der „Machtergreifung“ alsbald gleichgeschaltet und gingen im Reichsnährstand auf. Zwischen 1933 und 1937 wurde das Reichserntedankfest auf dem Bückeberg bei Hameln zelebriert, das medienwirksam den Zusammenschluss von Partei und Bauernschaft in Szene setzte.

Die Fahne mit Pflugschar und Schwert waberte auch nach dem Krieg immer wieder einmal durch die Geschichte Schleswig-Holsteins. So gab es in den 1960er Jahren noch ein Wiederaufflackern der Bewegung, als die nächste Generation norddeutscher Landwirte Mitte der 1960er Jahre auf sich aufmerksam machte. Die neu gegründete Landvolkpartei verlor sich aber schon bei ihren ersten Versammlungen in „konfusen Bierreden der Bauernsprecher“[9], wie der Spiegel es 1963 ausdrückte. Es blieb bei Symbolpolitik, Bomben flogen diesmal nicht.

Wann aber tauchte die schwarze Flagge wieder in der Gegenwart auf? Erstmals im Herbst 2019 wurde die Presse auf das markante Symbol aufmerksam, bei einer Demonstration von Landwirten in Oldenburg führten Demonstrierende das Banner der Landvolkbewegung mit sich.[10]

Der eingangs erwähnte Trecker-Aufmarsch im Sommer 2020 war dann ein Höhepunkt des Revivals der Symbolik aus der nationalistischen Mottenkiste. Heutige Träger der Fahne der Landvolkbewegung haben versucht ihre Nutzung mit der Opposition ihrer Anführer zu den Nationalsozialisten zu rechtfertigen. Ihr Widerstand speiste sich aber einzig aus dem Versuch, den autonomen Stand der Landvolkbewegung zu bewahren, nicht aus einem programmatischen Gegensatz. Denn wirtschaftliche Autarkie, Zerstörung der Demokratie und die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung waren elementare Ziele der NS-Bewegung.

Wie lange die schwarze Fahne noch geschwenkt werden wird, bleibt offen. Angesichts der verheerenden Außenwirkung sahen sich im September Bauernverbände zu Stellungnahmen genötigt. Von der weiteren Nutzung wurde explizit abgeraten.[11]


Literatur

  • Landvolkbewegung. Der Väter Kampfnatur. In: Der Spiegel. Nr. 33. 1963. S. 36-38.
  • Otto-Morris, Alexander. „Bauer, wahre dein Recht!“ Landvolkbewegung und Nationalsozialismus 1928/30. In: Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e.V. (AKENS) (Hg.): „Siegeszug in der Nordmark“. Schleswig-Holstein und der Nationalsozialismus 1925-1950. Schlaglichter – Studien – Rekonstruktionen (Heft 50), Kiel. 2008. S. 54–73.
  • Ders. Rebellion in the Province. The Landvolkbewegung and the Rise of National Socialism in Schleswig-Holstein. Frankfurt a. M. 2013.
  • Schimmelreiter, Jürgen. Unter der schwarzen Bauernfahne. Die Landvolkbewegung im Kampf für Deutschlands Befreiung. München. 1929.
  • Werner, Nils. Die Prozesse gegen die Landvolkbewegung in Schleswig-Holstein 1929/1932. Frankfurt a.M. 2001.

[1] Siehe hier: https://www.shz.de/lokales/husumer-nachrichten/landvolk-symbol-nachgestellt-shitstorm-nach-bauern-protesten-id28629747.html, zuletzt aufgerufen am 15.09.20, 10.00 Uhr.

[2] Otto-Morris, Alexander. Rebellion in the Province. The Landvolkbewegung and the Rise of National Socialism in Schleswig-Holstein. Frankfurt a. M. 2013. S.39.

[3] Ebd. S. 57-59.

[4] Werner, Nils. Die Prozesse gegen die Landvolkbewegung in Schleswig-Holstein 1929/1932. Frankfurt a.M. 2001.S. 18 f.

[5] Werner, Nils. Die Prozesse gegen die Landvolkbewegung in Schleswig-Holstein 1929/1932. Frankfurt a.M. 2001. S. 121-123.

[6] Schimmelreiter, Jürgen. Unter der schwarzen Bauernfahne. Die Landvolkbewegung im Kampf für Deutschlands Befreiung. München. 1929. S. 42.

[7] Otto-Morris, Alexander. „Bauer, wahre dein Recht!“ Landvolkbewegung und Nationalsozialismus 1928/30. In: Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e.V. (AKENS) (Hg.): „Siegeszug in der Nordmark“. Schleswig-Holstein und der Nationalsozialismus 1925-1950. Schlaglichter – Studien – Rekonstruktionen (Heft 50), Kiel. 2008. S. 54–73.

[8] Werner. Die Prozesse gegen die Landvolkbewegung. S. 60.

[9] Landvolkbewegung. Der Väter Kampfnatur. In: Der Spiegel. Nr. 33. 1963. S. 36-38.

[10]https://www.oldenburger-onlinezeitung.de/oldenburg/geschichte/agrardemo-schwarze-bauernfahne-29261.html, zuletzt aufgerufen am 15.09.20, 10.00 Uhr.

[11] https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Umstrittenes-Symbol-Bauernverband-gegen-Fahne,bauernfahne100.html, zuletzt aufgerufen am 15.09.20, 10.00 Uhr.

Der weite Weg zur Wasserstraße

Heute schneidet er Schleswig-Holstein wie selbstverständlich in Nord und Süd: Der Nord-Ostsee-Kanal. Seit genau 125 Jahren ist die Wasserstraße in Benutzung und wird so sehr vom Verkehr frequentiert wie weltweit kaum ein anderer Kanal. Doch bis zu seiner Einweihung war es ein weiter Weg – und der Protest gegen ihn laut. – Von Florian Tropp

Es sind grobkörnige Bilder, die den Sehnerv des Zuschauers durchaus strapazieren: Der Betrachter sieht eine Wasserstraße, flankiert von einer Adlerstatue. Drei Männer befinden sich auf dem Gewässer in einem Ruderboot. Einer paddelt langsam, ein weiterer macht vorsichtige Schritte in seine Richtung, wohlbedacht darauf, nicht über Bord zu gehen. Am Kai geht derweil ein Junge entlang und blickt kurz zurück in die Kamera. Auf der anderen Seite des Objektivs stand derweil der Brite Birt Acres.

Die wenigen Bilder von 1895 sind der Beginn der ältesten erhaltenen Filmaufnahmen, die in Deutschland entstanden. Später an diesem 20. Juni filmte Acres noch etwas spektakulärere Szenen: In Anwesenheit eines Garderegiments und zahlreicher ziviler Würdenträger des Deutschen Reichs eröffnete Kaiser Wilhelm II. feierlich den Nord-Ostsee-Kanal, das neueste Prunkstück seines Staates. Das Wetter war ebenfalls kaiserlich – was bestimmt auch den Kameramann erfreut haben dürfte.

Doch bis zu dieser Zeremonie war es ein langer Weg gewesen. Über das Für und Wider dieses Kanalbaus war in der Gründerzeit ausführlich diskutiert worden. Dabei war es keine neue Idee mit einem Kanal eine direkte Verbindung zwischen Nord- und Ostsee zu schaffen. Zudem war das 19. Jahrhundert eine Periode intensiven globalen Kanalbaus. In Ägypten wurde 1869 der Sueskanal eingeweiht, zeitgleich zum Kanal in Norddeutschland, nahm in Großbritannien der Manchester Ship Canal Form an. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gruben Bagger sich durch Mittelamerika, um den Panamakanal fertigzustellen.

Der Nord-Ostsee-Kanal hatte konkrete Vorgänger. Schon im 18. Jahrhundert hatte der dänische König Christian III. den Bau des Eiderkanals forciert, der in Kiel begann und bei Rendsburg in die Eider mündete. Den Anforderungen des Industriekapitalismus genügte er aber nicht mehr. Die Anlegung eines neuen Kanals nahm noch unter dänischer Regie erste Formen an.

Die 1863 anonym erschienene Studie „Durchstich der Holsteinischen Landenge zwischen Ostsee und Nordsee“ nannte zunächst ökonomische Vorzüge eines Kanals, da am Skagerrak in der Sturmsaison immer wieder Handelsschiffe untergingen.[1] Der Autor verfocht aber auch eine Agenda im Sinne der nationalen Einigung, war doch das Gebiet, durch das der Kanal verlaufen sollte, im Spannungsgebiet mehrerer Staaten gelegen. Er kam zum Fazit: „Ich betrachte vielmehr das Unternehmen hauptsächlich als eine Aufgabe Deutschlands. Dänemark hat diese Aufgabe nur in so fern es dem deutschen Bunde sich näher anschließt, sonst kommt es nur in Betracht, weil es wegen seines Einflusses auf die Regierung des Bundeslandes Holstein nicht übergangen werden kann […].“[2] Die Eingliederung Schleswig-Holsteins in das 1871 gegründete Deutsche Reich schuf damit eine grundlegend neue Faktenlage.

Die Frage des Baus eines solchen Kanals war nun nicht mehr allein eine ökonomische, sondern ebenso eine des nationalen Prestiges. Im Zuge des nationalistischen Pathos‘ des 19. Jahrhunderts war der Bau des Nord-Ostsee-Kanals für viele Zeitgenossen ein Symbol des aufstrebenden jungen deutschen Kaiserreichs.

Die Idee des Kanalbaus durch die nördlichste Provinz Preußens wurde vielfältig angeregt. Bethel Henry Strousberg, einflussreicher Unternehmer im Eisenbahnwesen, las die Denkschriften aus den 1860er Jahren und zog eigene Schlüsse. Interessanterweise beurteilte er das Kanalprojekt aus preußischer Sicht und sah es als eine Möglichkeit, die privilegierte ökonomische Stellung der Hansestädte zu untergraben. Im- und Export von Waren sei bis dato allein ihnen zugutegekommen.[3]

Strousberg regte sogar eine Erweiterung des Projektes an, wonach Elbe und Oder durch einen Kanal verbunden werden sollten.[4] Seine Ideen müssen unzweifelhaft im Kontext jener Zeit gesehen werden, sie sind Kind der zeitgenössischen Euphorie rund um den Kanalbau. Für die privilegierten Gesellschaftsschichten der Industrialisierung schien kein Projekt zu tollkühn, als dass man es nicht zumindest in Erwägung ziehen könnte. Viele Militärs aber waren weniger angetan vom Durchstich Schleswig-Holsteins.

Einer der erbittertsten Gegner des Kanalbaus war Helmut von Moltke, Preußens höchster General in den drei Einigungskriegen. Moltke kannte Schleswig-Holstein aus seiner Karriere heraus sehr gut. In einer Reichstagssitzung am 23. Juni 1873 verlieh er seiner Ablehnung des Kanalbaus Nachdruck. Er kritisierte die Kosten des Projekts und befürchtete, der Kanal werde wenigstens 100 Tage im Jahr zugefroren sein. Vornehmlich käme er vor allem anderen Staaten zugute und weniger dem Deutschen Reich. Überdies bestritt der Generalfeldmarschall den militärischen Nutzen der Wasserstraße.[5] Diese Bedenken teilten auch andere Militärs, die zivilen Aspekte und Vorteile hatten für sie nachgeordnete Priorität. Reichskanzler Bismarck und einflussreiche norddeutsche Reeder drängten auf den Bau des Kanals, der jedoch einstweilen einer zu großen Opposition gegenüberstand.

Erst ein Konsortium um Heinrich Dahlström, Schiffsmakler aus Hamburg, brachte den Bau voran. Er hatte Strousbergs Studie gelesen und fand Gefallen an dem Bau, an dessen Elbe-Oder-Projekt allerdings eher weniger. Seine Broschüre „Die Ertragsfähigkeit eines schleswig-holsteinischen Schiffahrtskanals [sic]“ überzeugte schließlich die Reichsregierung.[6] Dahlström hatte bald seinen Spitznamen im Volk gefunden: Kanalström.

Im März 1880 erhielt er die Erlaubnisse zu den Vorarbeiten, erst im März 1886 aber stimmte der Reichstag dem „Gesetz betreffend die Herstellung eines Nord-Ostsee-Kanals“ zu. Die Grundsteinlegung erfolgte 1887.

Eine „Kanal-Commission“ hatte die Führung inne und musste bereits auf den ersten Kilometern den Verlauf des Kanals anpassen, der schwierige Untergrund machte dies notwendig. Arbeitskräfte aus ganz Europa wurden angeworben und arbeiteten am Jahrhundertprojekt des jungen deutschen Nationalstaates.

Ihre Versorgung war für die damalige Zeit vorbildlich, die Kommission veranlasste den Bau beheizter Baracken, auch die Nahrungsmittelversorgung war gut. Dies war selbstverständlich nicht nur ein humanitärer Akt: Die Zufriedenheit der Arbeiter sollte auch vermeintlicher sozialdemokratischer und anarchistischer Agitation die Grundlage entziehen. Zehn Stunden pro Tag stellte ein Kanalarbeiter seine Muskelkraft zur Verfügung, die allerjüngsten waren erst 15 Jahre alt.[7]

Konflikte gab es nicht zuletzt mit den lokalen Kommunen, die sich mit dem Bau auf ihrem Grund und Boden arrangieren mussten. Besonders hart traf es die Gemeinde Sehestedt. Die kleine Ortschaft liegt zwei Kilometer östlich von Rendsburg, das dort ursprünglich liegende Gut gehörte zu den ältesten des Herzogtums Schleswig. Auch das konnte nicht verhindern, dass der Ort von den Kanalbauarbeiten in den 1890er Jahren für immer zerschnitten wurde, nur eine Fähre verbindet Nord- und Südteil der Gemeinde miteinander. Mit einer Prise Selbstironie wirbt Sehestedt um Touristen mit dem Slogan: „Das Dorf, durch das ein Kanal fließt.“[8]

Mit der eingangs beschriebenen Zeremonie erfolgte 1895 die Eröffnung des Kanals. Die Umbenennung vom zunächst informellen Namen „Nord-Ostsee-Kanal“ zu „Kaiser-Wilhelm-Kanal“ war beinahe obligatorisch. Wilhelm II., Enkel Wilhelms I., forcierte im gesamten Reich die Verehrung seines Großvaters. Oftmals wurde von letzterem als Wilhelm dem Großen gesprochen oder – in Anknüpfung an den mittelalterlichen Kaiser Friedrich Barbarossa – von „Barbablanca“.[9] 1948 wurde der Kanal auf Bestreben der Alliierten in seinen alten Namen zurückbenannt.

Allerdings war der Kanal bereits bei seiner Eröffnung nicht mehr auf der technischen Höhe der Zeit. Umgehend nach der Einweihung war eine Erweiterung vonnöten, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg ihr Ende fand. Die Annahme Moltkes, dass der Kanal nur nachgeordnete militärische Bedeutung haben würde, erfüllte sich im Übrigen,:. Der jährliche Anteil der den Kanal durchfahrenden Kriegsschiffe überschritt nie einen Anteil von drei Prozent.[10] Auch in beiden Weltkriegen hatte er keine herausragende Bedeutung.

Heute erscheint er als ein Symbol für den Fortschrittsglauben des späten 19. Jahrhunderts, zugleich aber auch als Zeichen der damaligen Globalisierung, die uns heute nur allzu vertraut erscheint. Denn erst im 21. Jahrhundert, nach Weltkriegen und Ost-West-Konflikt, erreichten Handel und Vernetzung wieder denselben Stellenwert wie vor 1914.

Literatur

  • Durchstich der Holsteinischen Landenge zwischen Ostsee und Nordsee. Schleswig. 1863.
  • Jensen, Waldemar. Der Nord-Ostsee-Kanal. Eine Dokumentation zur 75-jährigen Wiederkehr der Eröffnung. Neumünster. 1970.
  • Kieler Committee für den Kanalbau. Denkschrift über den grossen Norddeutschen Kanal zwischen Brunsbüttler Koog an der Elbe und dem Kieler Hafen. Kiel. 1865.
  • Münkler, Herfried. Die Deutschen und ihre Mythen. Berlin. ²2009.
  • Strousberg, Bethel Henry. Berlin, ein Stapelplatz des Welthandels durch den Nord-Ostsee-Kanal. Berlin. 1878.

[1] Durchstich der Holsteinischen Landenge zwischen Ostsee und Nordsee. Schleswig. 1863. S. 5.

[2] Ebd. S. 69.

[3] Strousberg, Bethel Henry. Berlin, ein Stapelplatz des Welthandels durch den Nord-Ostsee-Kanal. Berlin. 1878. S. 8.

[4] Ebd. S. 13.

[5] https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt3_k1_bsb00018363_00667.html zuletzt aufgerufen am 24. Juli 2020 um 19.00 Uhr.

[6] Jensen, Waldemar. Der Nord-Ostsee-Kanal. Eine Dokumentation zur 75-jährigen Wiederkehr der Eröffnung. Neumünster. 1970. S. 47.

[7] Ebd. S. 65.

[8] Siehe: http://www.sehestedt.de/, zuletzt aufgerufen am 24. Juli 2020 um 19.00 Uhr.

[9] Münkler, Herfried. Die Deutschen und ihre Mythen. Berlin. ²2009. S. 60 – 64.

[10] Jensen, Waldemar. Der Nord-Ostsee-Kanal. S. 104.

Das edle Steinchen am Elbstrand

Seit 20 Jahren thront der Alte Schwede bei Övelgönne an der Elbe. Der schwergewichtige Hingucker hat in jeder Hinsicht eine bewegte Geschichte. Schon seine Hebung verlief kompliziert und auch auf dem Trockenen musste er bereits einiges über sich ergehen lassen.  – Von Florian Tropp

Für Spaziergänger an der Elbe ist er ein vertrauter Anblick: Bei jeder Witterung zeigt der Alte Schwede klare Kante und liegt wuchtig am Strand. Gefühlt war er schon immer da, dabei wurde er erst vor 20 Jahren aus seinem nassen Bett im Strom gehoben. Sein Fund zur Jahrtausendwende war eine riesige Sensation.

Geologen rieben sich die Augen, ebenso wie viele Gastronomen am Elbufer die Hände – in Erwartung steigender Besucherzahlen. Die Lokalpresse kannte im Herbst 1999 kaum ein anderes Thema und wollte alles wissen: Woraus besteht er? Wie lange liegt er schon in der Elbe? Viele Bürger interessierte aber am meisten, wann man den so laut angekündigten Neuankömmling endlich selbst sehen würde.

Das Auffinden von Findlingen ist in Hamburg dabei eigentlich nichts Besonderes, wird doch das Erdreich in und um Hamburg stets intensiv umgegraben. Das weiß jeder Autofahrer, der einmal  quer durch die Innenstadt fährt und oft ebenso viele Baustellen wie Ampeln passieren muss. Zur Jahrtausendwende wühlte sich zudem der Tunnelbohrer Trude durch den Untergrund und förderte ebenfalls zahlreiche große Steine zutage, als er Platz für die vierte Röhre des Elbtunnels schuf.

Auf den (noch namenlosen) Alten Schweden traf man bei Vorbereitungen zur Elbvertiefung. Für den Schifffahrtsverkehr wurde er als Gefahr angesehen, also musste er entfernt werden. Jörg Oellerich, Sprecher des Amts für Strom- und Hafenbau, skizzierte drei Optionen: Erstens man könne ihn sprengen, zweitens tiefer ins Flussbett einsacken lassen, indem man drum herum graben würde oder ihn – drittens – heben.[1]

Schnell war klar, dass man den womöglich größten Findling Europas ans Tageslicht holen wollte. Die Sprengung wäre eine Horrorvorstellung für viele Geologen gewesen und die Regierenden waren entschlossen, der Hansestadt eine neue Sehenswürdigkeit hinzuzufügen. Damit blieb nur die Hebung aus der Elbe.

Am 18. Oktober 1999, einem Montag, sollte es endlich soweit sein. Zahlreiche Schaulustige hatten sich eingefunden, um ihren neuen Mitbürger zu begrüßen. Der zeigte sich indes nur kurz: Gut zur Hälfte hatte er sich bereits aus dem Wasser erhoben, als alles ganz schnell vorüber war. Ein Peitschen hallte durch die Herbstluft, gefolgt von einem lauten Platschen. Der Findling hatte sich losgerissen und sank wieder in den Elbschlick. 160.000 DM hatte das Fiasko gekostet.[2]

Georg Werner vom Amt für Strom- und Hafenbau rang um Worte: „Die Ursache dafür ist, dass eben über das Wochenende so viel Sand wieder an den Stein herangespült worden ist, durch die Tidebewegung, dass wir das Seil nicht ganz nach unten runterbringen konnten.“[3]

Fünf Tage später erfolgte der nächste Versuch, wiederum von Komplikationen begleitet. Denn nach seinem Sturz hatte er sich, als wäre er verschüchtert, vorerst wieder tief eingegraben. Erst nach zusätzlicher Unterspülung konnte er nach oben bewegt werden. Am 23. Oktober 1999, um 17.14 Uhr, landete er auf dem Elbstrand, begleitet von Jubel und Pfiffen der zahlreichen Neugierigen.[4]

Die ersten Untersuchungen bestätigten, dass Taucher, Geologen und Ingenieure da einen echten Hochkaräter an Land gezogen hatten. Mit seinen Maßen spielt er in der Champions League der Findlinge: 217 Tonnen Gewicht und annähernd 20 Meter Umfang kann der Riese aus Granit vorweisen. Ohne weiteres auf ihn klettern kann man bei einer Höhe von 4,50 Meter nicht. Für geübte Boulderer ist er allerdings mittlerweile ein Geheimtipp.[5]

Das Gesamtalter des Findlings dürfte auf etwa 1,8 Milliarden Jahre zu beziffern sein. Seine ursprüngliche Herkunft sollte den Weg zu seinem späteren Namen weisen: Vormals muss er sich im südschwedischen Småland befunden haben, ehe er sich auf Wanderschaft gen Mitteleuropa machte.[6] In der Elster-Eiszeit vor über 300.000 Jahren ließ sich der Fels dann dort nieder, wo sich sehr viel später einmal eine kleine Siedlung namens Altona befinden sollte, die noch später von Hamburg einverleibt werden würde.

Zunächst blieb der Gigant namenlos, wenngleich er im Mittelpunkt des Interesses stand. Anfang 2000 setzte ihn eine Werbekampagne für das neue Staatsbürgerrecht als „Hamburgs ältesten Einwanderer“ in Szene.[7] Seine Taufe sollte erst ein halbes Jahr darauf erfolgen.

Am 6. Juni 2000 erhielt der Alte Schwede seinen Namen. Dieser war in Einsendungen der Hamburger Bevölkerung an die örtliche Presse mit Abstand am häufigsten genannt worden. Anwesend bei der Zeremonie waren die Zweite Bürgermeisterin Krista Sager sowie Schwedens Generalkonsul in Hamburg Leif Sjöström, getauft wurde mit Elbwasser. Seit Herbst 2000 informiert eine Infotafel über den Werdegang des Findlings.

Schon Ende 1999 war der Alte Schwede erstmals zur Projektionsfläche für Sprayer geworden, über den Gehalt der Kunst gingen die Meinungen weit auseinander. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass der Findling angepinselt wurde. Die Hamburg Port Authority (HPA) verpasste dem Stein schließlich eine Spezialimprägnierung, die seine Poren verschloss. So hoffte man, zukünftige Neugestaltungen der Oberfläche verhindern zu können.

Anfang 2019 staunten die Besucher am Elbstrand dennoch nicht schlecht, über Nacht war aus dem Alten Schweden per Spraydose ein goldenes Nugget geworden. Dies gefiel manchen so gut, dass ernsthaft diskutiert wurde, die Farbe nicht zu entfernen, da es sich um Kunst handele. Doch ehe die Debatte Fahrt aufgenommen hatte, blätterte die Farbe dank Regen und Imprägnierung bereits wieder ab.[8]

Auch wenn der Stein bislang wenig Motivation zur Bewegung aufwies, wurde er doch auch bereits für den Sport vereinnahmt: Vor dem Stadtderby zwischen HSV und FC St. Pauli im März 2019 sprühten ihn offensichtlich Fans des Kiezklubs in den Vereinsfarben an. Glück brachte es nicht, der HSV siegte mit 4:0 am Millerntor.

Inzwischen hat der Findling einen Kollegen, der einige Kilometer elbabwärts seinen Platz am Strand gefunden hat. Zwar ist er, im Vergleich zum Alten Schweden, mit seinen 60 Tonnen nur ein Fliegengewicht, dennoch ist man in Wedel stolz auf seinen Brocken. Sven Kamin, Sprecher der Stadt Wedel sagte im Spaß: „Der Bauhof kriegt den jedenfalls nicht wieder weg“ und führte weiter aus, dass er das „kleine neue Wahrzeichen von Wedel“ werden könnte.[9]

Auch der Klotz von Wedel bot schnell Gesprächsstoff. Denn vielleicht bekam ihn der Bauhof nicht weg, aber einige Spaßvögel setzten ihn dennoch in Bewegung. Denn anders als in Övelgönne, war es in Wedel offenbar möglich den Stein per Hand zu untergraben und auf die Seite zu kippen.[10]

An der Position des Alten Schweden wird sich dagegen wenig ändern. Während er bereits mehr 300.000 Jahre in der Elbe verbrachte, dürfte er nun ebenso lange am selben Platz verharren. Es ist eher die Frage, ob die Stadt dann noch stehen wird oder ob ein ansteigender Meeresspiegel den Findling irgendwann doch wieder ins Wasser zurückholt.


[1] https://www.abendblatt.de/archiv/1999/article204675349/In-der-Elbe-liegt-Europas-groesster-Findling.html

[2] https://www.abendblatt.de/archiv/1999/article204750539/und-da-war-der-Findling-wieder-weg.html

[3] NDR Archiv, Reportage von NDR 90,3, Sendung vom 18. Oktober 1999.

[4] https://www.abendblatt.de/archiv/1999/article204754743/Ansichten-eines-Steins.html

[5] https://27crags.com/crags/alter-schwede-hamburg/routelist

[6] https://www.hamburg.de/geotourismus-geologie/144844/alter-schwede-altona/

[7]https://www.abendblatt.de/archiv/2000/article204231111/Auslaenderbeauftragte-Kampagne-soll-Integrationsbereitschaft-der-Buerger-foerdern.html

[8] https://www.mopo.de/hamburg/regen-ist-schuld-das-gold-des-findlings-loest-sich-auf-31826720

[9] https://www.abendblatt.de/region/pinneberg/article228474267/Wedel-hat-jetzt-einen-eigenen-Alten-Schweden.html

[10] https://www.mopo.de/im-norden/schleswig-holstein/aufregung-am-elbstrand-wer-hat-den–koloss-von-wedel–umgekippt–36358428

1980: Autonomer Zapfenstreich in Bremen

Heute vor 40 Jahren sollten im Bremer Weserstadion 1200 junge Rekruten der Bundeswehr im Rahmen des Großen Zapfenstreichs ihr Gelöbnis leisten. An diesen Tag sollten sich noch alle Anwesenden lange erinnern. Im Nachhinein allerdings weniger wegen dem Zeremoniell selbst, als vielmehr wegen der Begleitumstände. – Von Florian Tropp

Für Frank Lehmann ging an diesem 6. Mai 1980 alles schief. Der junge Wehrdienstleistende sollte an diesem Frühjahrsabend in seiner Heimatstadt den Eid als Soldat leisten. Eigentlich wollte er gar nicht hier sein, er hatte geplant zu verweigern. Nun aber stand er mit seinen Kameraden vor einem brennenden Bus, unweit mussten sich auch seine Freunde aus der linken Bremer Uni-Szene befinden. Frank stand also zwischen allen Fronten, als plötzlich Vermummte auf ihn losstürmten: „Es ergab sich ein allgemeines, großes Handgemenge und Gewühle, Frank wurde umgerissen, und andere Leute fielen über ihn drüber, Freund und Feind gleichermaßen, es war jetzt nur noch ein großes, unentwirrbares Knäuel von Körpern und Gliedmaßen.“[1]

Frank Lehmann hat es nie gegeben, er ist die Hauptfigur einer Romanreihe des aus Bremen stammenden Autors und Musikers Sven Regener. Die sonstigen Geschehnisse dagegen sind nur bedingt fiktiv: Die Schlacht am Weserstadion, von Regener als dramatischer Höhepunkt seines Romans „Neue Vahr Süd“ konzipiert, fand heute vor 40 Jahren tatsächlich statt. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg sollte wieder vor großem Rahmen eine Vereidigung deutscher Soldaten erfolgen. Die Militanz des Protests dagegen sollte Politik und Presse völlig überraschen, dabei geschah dies – im Rückblick – nicht unerwartet.

Die Gelöbnisfeierlichkeiten in Bremen fielen in eine Zeit radikaler politischer Umbrüche, die vor allem von jungen Aktivisten getragen wurden. Es war die Zeit der aufkeimenden Öko-Bewegung, des Protests gegen das Wettrüsten von Ost und West und eines allgemein neu definierten politischen Bewusstseins. In einem vielbesprochenen Buch hat der Historiker Frank Bösch kürzlich auf die Zeitenwende vor 40 Jahren aufmerksam gemacht.

Bösch charakterisierte das Jahr 1979 als den Wendepunkt hin zum Zeitalter des digitalisierten Global Village mit neo-liberaler ökonomischer Ausrichtung. Viele junge Menschen mit linksalternativer Überzeugung spürten ein politisches Erwachen, das sich in vermehrtem öffentlichkeitswirksamem Protest ausdrückte. Sei es durch Engagement in der Friedensbewegung oder der Arbeit als Aufbauhelfer im sandinistischen Nicaragua.[2] Das militante Aufbegehren gegen das Gelöbnis in Bremen durch diverse Gruppen verschiedener politischer Couleur (orthodox-marxistisch über undogmatisch links bis christlich motiviert) muss in einen gesamteuropäischen Kontext eingebettet werden.

Kreuz und quer in Europa loderten Anfang der 80er Jahre Jugendrevolten auf. Zeitgleich zum Aufruhr in Bremen gründeten Aktivisten die Republik Freies Wendland als Protestzeichen gegen die Nutzung des Salzstocks Gorleben als atomarem Endlager, in Zürich lieferten sich Jugendliche massive Auseinandersetzungen mit der Polizei. Bei der Krönung von Königin Beatrix in Amsterdam übertönten 1980 ebenfalls Polizeisirenen die feierlichen Klänge.

Diese Protestgeneration war im Schnitt ganze zehn Jahre jünger als ihre Vorgänger im Jahr 1968 und anders als die träumte sie nicht von der romantischen Utopie einer klassenlosen Flower-Power-Gesellschaft. Sie trug schwarz, den zeitgenössischen Punk-Schlachtruf „No Future!“ hatte sie verinnerlicht.[3] Die bunte Utopie der 60er Jahre war der tiefschwarz deprimierten Dystopie gewichen.

Bremen war aufgrund zweier Faktoren als Schauplatz des Gelöbnisses erwählt worden: Zunächst, da dort 1955 erstmals Rekruten vereidigt worden waren, zweitens, weil Bundespräsident Karl Carstens sich diesen Festakt für seine Heimatstadt wünschte. Ein zusätzlicher Anlass war das 25-jährige Jubiläum der Mitgliedschaft der Bundeswehr in der NATO. Dabei galt das politische Umfeld in Bremen als ausgesprochen links und antimilitaristisch. Neben diversen undogmatischen Gruppen hatte hier auch der bestens vernetzte Kommunistische Bund Westdeutschland seinen Sitz.

Bundeskanzler Helmut Schmidt und Verteidigungsminister Hans Apel hatten dabei im Vorfeld sogar noch die Erwartungen der Heeresführung abbremsen müssen. Denn seitens der Bundeswehr plante man zunächst einen weitaus martialischeren Aufzug als den Appell im Stadion: Ursprünglich sollten Panzer und Artillerie auffahren und Kampfjets über die Weser donnern.[4]

Die Situation barg auch so schon genug Gefahrenpotenzial. In Flugschriften und Broschüren mobilisierten die diversen Aktivisten gegen das Gelöbnis und sahen darin ein gefährliches Anknüpfen an militärische Traditionen der Wehrmacht, was von konservativen politischen Entscheidungsträgern sogar beabsichtigt gewesen sein mag.

Der Kommunistische Bund Westdeutschland schrieb in einem offenen Brief an diverse Empfänger: „Trotz Drohung der beiden Supermächte gegenüber den europäischen Völkern, will die Bundesregierung aber aus dieser Situation maximale Nutzen für den Geldsack herausschlagen, als Partner einer der beiden kriegsführenden Seiten. Mit dieser konkreten Absicht mobil zu machen, eine Schicksalsgemeinschaft des ganzen deutschen Volkes um die Bundeswehr zu schmieden, darum geht es der Bundesregierung mit Billigung der Bremer Landesregierung. Deshalb die öffentliche Vereidigung.“[5]

Der geplante Protest fand selbst innerhalb der SPD Zuspruch und zeigte den sich abzeichnenden Widerspruch zwischen Parteibasis und –führung auf, wie er auch bereits in der Atompolitik offensichtlich geworden war. Die Polizei ging im Vorfeld der Gelöbnisfeier davon aus, dass es zur Vermischung der diversen Demonstrationszüge kommen könnte, wodurch Militante in der breiten Masse der überwiegend friedlich Protestierenden untertauchen könnten.

Am Tag selbst traf sich die Prominenz aus Politik und Heer zunächst zu einem Empfang im Bremer Rathaus, während sich auf den Straßen das Chaos abzuzeichnen begann. Apel und Carstens wurden per Helikopter ins Stadion eingeflogen. Andere hochrangige Teilnehmer mussten sich dagegen auf Schleichwegen durch Schrebergartenkolonien zum Weserstadion begeben, um den Straßenschlachten zu entgehen.[6]

Ein Untersuchungsbericht des Bundestages skizzierte den folgenden Ablauf des Abends: Um 18.30 Uhr brachen Militante erstmals eines der Stadiontore auf, kurz darauf konnten sie jedoch von Polizisten und Soldaten zurückgedrängt werden. Ein Bus der Bundeswehr war da bereits umgestürzt und angesteckt worden.[7]

Die Zahl der Gewalttäter bezifferte sich auf etwa 300 bis 1000, die mit Steinen, Stangen und Molotowcocktails bewaffnet waren. Die Gesamtzahl aller anwesenden Demonstranten an jenem Tag wurde im Untersuchungsbericht auf maximal 15.000 geschätzt. Im Verlauf des Abends konnten seitens des Sicherheitspersonals weitere Angriffe auf das Weserstadion selbst verhindert werden. Dort fanden ohne weitere Zwischenfälle vor etwa 9000 Zuschauern Großer Zapfenstreich und Gelöbnis statt.

Ganz anders dagegen die Zustände außerhalb, wo Polizisten und Gelöbnisgegner einander durch die Straßen jagten. Das Ausmaß der Gewalt kam für die Ordnungshüter völlig überraschend, sie verloren auch bald den Überblick. So etwa als friedliche Demonstranten eine Kette zwischen Polizei und Militanten zu bilden versuchten, diese aber durch massiven Einsatz von Wasserwerfern aufgelöst wurde.

Staatliche Kritik erfuhr später Radio Bremen, wo in einer Livesendung im Jugendprogramm „Großer Popkarton“ für die Anliegen der Demonstranten Partei ergriffen wurde. Die Texte der dazwischen gesendeten Musiktitel, fanden sogar Eingang in den bereits zitierten Bericht des Untersuchungsausschusses: „Was ist uns das Leben wert// wenn die SPD regiert, //wie das Kapital diktiert// in der BRD// schnell ein neues Notgesetz// Maulkorb, Razzien, Spitzelnetz// alle Linken in KZ’s// in der BRD.“[8]

Die Bilanz der Schlacht liest sich verheerend: Die Polizei meldete 257 verletzte Beamte, die Bundeswehr lediglich drei Verletzte. Wenigstens 50 Demonstrierende mussten behandelt werden, wobei die Dunkelziffer weitaus höher gelegen haben dürfte. Die Bilder von ausgebrannten Fahrzeugen der Bundeswehr gingen schon unmittelbar nach den Unruhen durch die bundesdeutschen Medien. Das legitime Anliegen der friedlichen Demonstranten war völlig in den Hintergrund geraten.

Die Sicherheitsbehörden zogen aus dem Bremer Chaos offenbar die für sie richtigen Schlüsse und konnten ähnliche Vorkommnisse im November 1980 verhindern, als in der Bundeshauptstadt Bonn ein weiteres öffentliches Gelöbnis stattfand. Die Fernsehübertragung allerdings wurde dort durch etwa 300 Gelöbnisgegner massiv gestört.[9]

Im Nachhinein warfen der Protest in Bremen und die innere Zerrissenheit der SPD bereits ein Schlaglicht auf den Bruch der sozialliberalen Koalition zwei Jahre darauf. In der SPD begehrte der linke Flügel auf, der das Gelöbnis massiv kritisiert hatte und ebenso den NATO-Doppelbeschluss ablehnte, den Bundeskanzler Schmidt forcierte. Umgekehrt versuchte Franz Josef Strauß als Kanzlerkandidat der Union die Bremer Ereignisse für seinen Wahlkampf im selben Jahr zu instrumentalisieren.

Für diverse K-Gruppen, die in den 1970er Jahren am Rande des linken politischen Spektrums ihr Dasein fristeten, stellten die Proteste gegen die Gelöbnisse ihren letzten großen Auftritt dar. Sie verloren sich alsbald in inneren Konflikten, viele ihrer Mitglieder fanden bei den gerade erst gegründeten Grünen eine neue politische Heimat.

Bundeswehrgelöbnisse verschwanden für mehrere Jahre wieder aus dem öffentlichen Umfeld und wurden auf Kasernenhöfen durchgeführt. Erst in der Berliner Republik wurde dieses Zeremoniell wieder forciert und vielfältig öffentlichkeitswirksam abgehalten, wie etwa vor dem Berliner Reichstag. Die Proteste dagegen sollten nie wieder den Grad an Gewalt wie in Bremen erreichen.

Literatur

  • Bericht des Verteidigungsausschusses als 2. Untersuchungsausschuß nach Artikel 45 a Abs. 2 Grundgesetz zu dem Antrag der Mitglieder der Fraktion der CDU/CSU im Verteidigungsausschuß auf Einsetzung des Verteidigungsausschusses als Untersuchungsausschuß zur Untersuchung der Vorgänge im Zusammenhang mit den blutigen Krawallen anläßlich des öffentlichen Gelöbnisses von Bundeswehrsoldaten am 6. Mai 1980 Im Bremer Weserstadion. Bonn. 1980.
  • Bösch, Frank. Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann. München. 2019.
  • Hammerich, Helmut R. »Stets am Feind!« Der Militärische Abschirmdienst (MAD) 1956–1990. Göttingen. 2019.
  • Hezel, Lukas Jonathan. „Was gibt es zu verlieren, wo es kein Morgen gibt?“ Chronopolitik und Radikalisierung in der Jugendrevolte 1980/81 und bei den Autonomen. In: Esposito, Fernando (Hg.). Zeitenwandel. Transformation geschichtlicher Zeitlichkeit nach dem Boom. Göttingen. 2017. S. 119-153.
  • Regener, Sven. Neue Vahr Süd. Frankfurt am Main. 15 2006.
  • Signale überhört. In: Der Spiegel. Nr. 20/1980. S. 25-27.

[1] Regener, Sven. Neue Vahr Süd. Frankfurt am Main. 15 2006. S. 602.

[2] Bösch, Frank. Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann. München. 2019. S. 120

[3] Hezel, Lukas Jonathan. „Was gibt es zu verlieren, wo es kein Morgen gibt?“ Chronopolitik und Radikalisierung in der Jugendrevolte 1980/81 und bei den Autonomen. In: Esposito, Fernando (Hg.). Zeitenwandel. Transformation geschichtlicher Zeitlichkeit nach dem Boom. Göttingen. 2017. S. 119-153. Hier: S. 121.

[4] Signale überhört. In: Der Spiegel. Nr. 20/1980. S. 25-27.

[5] Bericht des Verteidigungsausschusses als 2. Untersuchungsausschuß nach Artikel 45 a Abs. 2 Grundgesetz

zu dem Antrag der Mitglieder der Fraktion der CDU/CSU im Verteidigungsausschuß auf Einsetzung des Verteidigungsausschusses als Untersuchungsausschuß zur Untersuchung der Vorgänge im Zusammenhang mit den blutigen Krawallen anläßlich des öffentlichen Gelöbnisses von Bundeswehrsoldaten am 6. Mai 1980 Im Bremer Weserstadion. Bonn. 1980. S. 15.

[6] Signale überhört. In: Der Spiegel. Nr. 20/1980. S. 25-27.

[7] Bericht des Verteidigungsausschusses. S. 18.

[8] Ebd. S. 19.

[9] Hammerich, Helmut R. »Stets am Feind!« Der Militärische Abschirmdienst (MAD) 1956–1990. Göttingen. 2019. S. 420.