Das edle Steinchen am Elbstrand

Seit 20 Jahren thront der Alte Schwede bei Övelgönne an der Elbe. Der schwergewichtige Hingucker hat in jeder Hinsicht eine bewegte Geschichte. Schon seine Hebung verlief kompliziert und auch auf dem Trockenen musste er bereits einiges über sich ergehen lassen.  – Von Florian Tropp

Für Spaziergänger an der Elbe ist er ein vertrauter Anblick: Bei jeder Witterung zeigt der Alte Schwede klare Kante und liegt wuchtig am Strand. Gefühlt war er schon immer da, dabei wurde er erst vor 20 Jahren aus seinem nassen Bett im Strom gehoben. Sein Fund zur Jahrtausendwende war eine riesige Sensation.

Geologen rieben sich die Augen, ebenso wie viele Gastronomen am Elbufer die Hände – in Erwartung steigender Besucherzahlen. Die Lokalpresse kannte im Herbst 1999 kaum ein anderes Thema und wollte alles wissen: Woraus besteht er? Wie lange liegt er schon in der Elbe? Viele Bürger interessierte aber am meisten, wann man den so laut angekündigten Neuankömmling endlich selbst sehen würde.

Das Auffinden von Findlingen ist in Hamburg dabei eigentlich nichts Besonderes, wird doch das Erdreich in und um Hamburg stets intensiv umgegraben. Das weiß jeder Autofahrer, der einmal  quer durch die Innenstadt fährt und oft ebenso viele Baustellen wie Ampeln passieren muss. Zur Jahrtausendwende wühlte sich zudem der Tunnelbohrer Trude durch den Untergrund und förderte ebenfalls zahlreiche große Steine zutage, als er Platz für die vierte Röhre des Elbtunnels schuf.

Auf den (noch namenlosen) Alten Schweden traf man bei Vorbereitungen zur Elbvertiefung. Für den Schifffahrtsverkehr wurde er als Gefahr angesehen, also musste er entfernt werden. Jörg Oellerich, Sprecher des Amts für Strom- und Hafenbau, skizzierte drei Optionen: Erstens man könne ihn sprengen, zweitens tiefer ins Flussbett einsacken lassen, indem man drum herum graben würde oder ihn – drittens – heben.[1]

Schnell war klar, dass man den womöglich größten Findling Europas ans Tageslicht holen wollte. Die Sprengung wäre eine Horrorvorstellung für viele Geologen gewesen und die Regierenden waren entschlossen, der Hansestadt eine neue Sehenswürdigkeit hinzuzufügen. Damit blieb nur die Hebung aus der Elbe.

Am 18. Oktober 1999, einem Montag, sollte es endlich soweit sein. Zahlreiche Schaulustige hatten sich eingefunden, um ihren neuen Mitbürger zu begrüßen. Der zeigte sich indes nur kurz: Gut zur Hälfte hatte er sich bereits aus dem Wasser erhoben, als alles ganz schnell vorüber war. Ein Peitschen hallte durch die Herbstluft, gefolgt von einem lauten Platschen. Der Findling hatte sich losgerissen und sank wieder in den Elbschlick. 160.000 DM hatte das Fiasko gekostet.[2]

Georg Werner vom Amt für Strom- und Hafenbau rang um Worte: „Die Ursache dafür ist, dass eben über das Wochenende so viel Sand wieder an den Stein herangespült worden ist, durch die Tidebewegung, dass wir das Seil nicht ganz nach unten runterbringen konnten.“[3]

Fünf Tage später erfolgte der nächste Versuch, wiederum von Komplikationen begleitet. Denn nach seinem Sturz hatte er sich, als wäre er verschüchtert, vorerst wieder tief eingegraben. Erst nach zusätzlicher Unterspülung konnte er nach oben bewegt werden. Am 23. Oktober 1999, um 17.14 Uhr, landete er auf dem Elbstrand, begleitet von Jubel und Pfiffen der zahlreichen Neugierigen.[4]

Die ersten Untersuchungen bestätigten, dass Taucher, Geologen und Ingenieure da einen echten Hochkaräter an Land gezogen hatten. Mit seinen Maßen spielt er in der Champions League der Findlinge: 217 Tonnen Gewicht und annähernd 20 Meter Umfang kann der Riese aus Granit vorweisen. Ohne weiteres auf ihn klettern kann man bei einer Höhe von 4,50 Meter nicht. Für geübte Boulderer ist er allerdings mittlerweile ein Geheimtipp.[5]

Das Gesamtalter des Findlings dürfte auf etwa 1,8 Milliarden Jahre zu beziffern sein. Seine ursprüngliche Herkunft sollte den Weg zu seinem späteren Namen weisen: Vormals muss er sich im südschwedischen Småland befunden haben, ehe er sich auf Wanderschaft gen Mitteleuropa machte.[6] In der Elster-Eiszeit vor über 300.000 Jahren ließ sich der Fels dann dort nieder, wo sich sehr viel später einmal eine kleine Siedlung namens Altona befinden sollte, die noch später von Hamburg einverleibt werden würde.

Zunächst blieb der Gigant namenlos, wenngleich er im Mittelpunkt des Interesses stand. Anfang 2000 setzte ihn eine Werbekampagne für das neue Staatsbürgerrecht als „Hamburgs ältesten Einwanderer“ in Szene.[7] Seine Taufe sollte erst ein halbes Jahr darauf erfolgen.

Am 6. Juni 2000 erhielt der Alte Schwede seinen Namen. Dieser war in Einsendungen der Hamburger Bevölkerung an die örtliche Presse mit Abstand am häufigsten genannt worden. Anwesend bei der Zeremonie waren die Zweite Bürgermeisterin Krista Sager sowie Schwedens Generalkonsul in Hamburg Leif Sjöström, getauft wurde mit Elbwasser. Seit Herbst 2000 informiert eine Infotafel über den Werdegang des Findlings.

Schon Ende 1999 war der Alte Schwede erstmals zur Projektionsfläche für Sprayer geworden, über den Gehalt der Kunst gingen die Meinungen weit auseinander. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass der Findling angepinselt wurde. Die Hamburg Port Authority (HPA) verpasste dem Stein schließlich eine Spezialimprägnierung, die seine Poren verschloss. So hoffte man, zukünftige Neugestaltungen der Oberfläche verhindern zu können.

Anfang 2019 staunten die Besucher am Elbstrand dennoch nicht schlecht, über Nacht war aus dem Alten Schweden per Spraydose ein goldenes Nugget geworden. Dies gefiel manchen so gut, dass ernsthaft diskutiert wurde, die Farbe nicht zu entfernen, da es sich um Kunst handele. Doch ehe die Debatte Fahrt aufgenommen hatte, blätterte die Farbe dank Regen und Imprägnierung bereits wieder ab.[8]

Auch wenn der Stein bislang wenig Motivation zur Bewegung aufwies, wurde er doch auch bereits für den Sport vereinnahmt: Vor dem Stadtderby zwischen HSV und FC St. Pauli im März 2019 sprühten ihn offensichtlich Fans des Kiezklubs in den Vereinsfarben an. Glück brachte es nicht, der HSV siegte mit 4:0 am Millerntor.

Inzwischen hat der Findling einen Kollegen, der einige Kilometer elbabwärts seinen Platz am Strand gefunden hat. Zwar ist er, im Vergleich zum Alten Schweden, mit seinen 60 Tonnen nur ein Fliegengewicht, dennoch ist man in Wedel stolz auf seinen Brocken. Sven Kamin, Sprecher der Stadt Wedel sagte im Spaß: „Der Bauhof kriegt den jedenfalls nicht wieder weg“ und führte weiter aus, dass er das „kleine neue Wahrzeichen von Wedel“ werden könnte.[9]

Auch der Klotz von Wedel bot schnell Gesprächsstoff. Denn vielleicht bekam ihn der Bauhof nicht weg, aber einige Spaßvögel setzten ihn dennoch in Bewegung. Denn anders als in Övelgönne, war es in Wedel offenbar möglich den Stein per Hand zu untergraben und auf die Seite zu kippen.[10]

An der Position des Alten Schweden wird sich dagegen wenig ändern. Während er bereits mehr 300.000 Jahre in der Elbe verbrachte, dürfte er nun ebenso lange am selben Platz verharren. Es ist eher die Frage, ob die Stadt dann noch stehen wird oder ob ein ansteigender Meeresspiegel den Findling irgendwann doch wieder ins Wasser zurückholt.


[1] https://www.abendblatt.de/archiv/1999/article204675349/In-der-Elbe-liegt-Europas-groesster-Findling.html

[2] https://www.abendblatt.de/archiv/1999/article204750539/und-da-war-der-Findling-wieder-weg.html

[3] NDR Archiv, Reportage von NDR 90,3, Sendung vom 18. Oktober 1999.

[4] https://www.abendblatt.de/archiv/1999/article204754743/Ansichten-eines-Steins.html

[5] https://27crags.com/crags/alter-schwede-hamburg/routelist

[6] https://www.hamburg.de/geotourismus-geologie/144844/alter-schwede-altona/

[7]https://www.abendblatt.de/archiv/2000/article204231111/Auslaenderbeauftragte-Kampagne-soll-Integrationsbereitschaft-der-Buerger-foerdern.html

[8] https://www.mopo.de/hamburg/regen-ist-schuld-das-gold-des-findlings-loest-sich-auf-31826720

[9] https://www.abendblatt.de/region/pinneberg/article228474267/Wedel-hat-jetzt-einen-eigenen-Alten-Schweden.html

[10] https://www.mopo.de/im-norden/schleswig-holstein/aufregung-am-elbstrand-wer-hat-den–koloss-von-wedel–umgekippt–36358428

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