1980: Autonomer Zapfenstreich in Bremen

Heute vor 40 Jahren sollten im Bremer Weserstadion 1200 junge Rekruten der Bundeswehr im Rahmen des Großen Zapfenstreichs ihr Gelöbnis leisten. An diesen Tag sollten sich noch alle Anwesenden lange erinnern. Im Nachhinein allerdings weniger wegen dem Zeremoniell selbst, als vielmehr wegen der Begleitumstände. – Von Florian Tropp

Für Frank Lehmann ging an diesem 6. Mai 1980 alles schief. Der junge Wehrdienstleistende sollte an diesem Frühjahrsabend in seiner Heimatstadt den Eid als Soldat leisten. Eigentlich wollte er gar nicht hier sein, er hatte geplant zu verweigern. Nun aber stand er mit seinen Kameraden vor einem brennenden Bus, unweit mussten sich auch seine Freunde aus der linken Bremer Uni-Szene befinden. Frank stand also zwischen allen Fronten, als plötzlich Vermummte auf ihn losstürmten: „Es ergab sich ein allgemeines, großes Handgemenge und Gewühle, Frank wurde umgerissen, und andere Leute fielen über ihn drüber, Freund und Feind gleichermaßen, es war jetzt nur noch ein großes, unentwirrbares Knäuel von Körpern und Gliedmaßen.“[1]

Frank Lehmann hat es nie gegeben, er ist die Hauptfigur einer Romanreihe des aus Bremen stammenden Autors und Musikers Sven Regener. Die sonstigen Geschehnisse dagegen sind nur bedingt fiktiv: Die Schlacht am Weserstadion, von Regener als dramatischer Höhepunkt seines Romans „Neue Vahr Süd“ konzipiert, fand heute vor 40 Jahren tatsächlich statt. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg sollte wieder vor großem Rahmen eine Vereidigung deutscher Soldaten erfolgen. Die Militanz des Protests dagegen sollte Politik und Presse völlig überraschen, dabei geschah dies – im Rückblick – nicht unerwartet.

Die Gelöbnisfeierlichkeiten in Bremen fielen in eine Zeit radikaler politischer Umbrüche, die vor allem von jungen Aktivisten getragen wurden. Es war die Zeit der aufkeimenden Öko-Bewegung, des Protests gegen das Wettrüsten von Ost und West und eines allgemein neu definierten politischen Bewusstseins. In einem vielbesprochenen Buch hat der Historiker Frank Bösch kürzlich auf die Zeitenwende vor 40 Jahren aufmerksam gemacht.

Bösch charakterisierte das Jahr 1979 als den Wendepunkt hin zum Zeitalter des digitalisierten Global Village mit neo-liberaler ökonomischer Ausrichtung. Viele junge Menschen mit linksalternativer Überzeugung spürten ein politisches Erwachen, das sich in vermehrtem öffentlichkeitswirksamem Protest ausdrückte. Sei es durch Engagement in der Friedensbewegung oder der Arbeit als Aufbauhelfer im sandinistischen Nicaragua.[2] Das militante Aufbegehren gegen das Gelöbnis in Bremen durch diverse Gruppen verschiedener politischer Couleur (orthodox-marxistisch über undogmatisch links bis christlich motiviert) muss in einen gesamteuropäischen Kontext eingebettet werden.

Kreuz und quer in Europa loderten Anfang der 80er Jahre Jugendrevolten auf. Zeitgleich zum Aufruhr in Bremen gründeten Aktivisten die Republik Freies Wendland als Protestzeichen gegen die Nutzung des Salzstocks Gorleben als atomarem Endlager, in Zürich lieferten sich Jugendliche massive Auseinandersetzungen mit der Polizei. Bei der Krönung von Königin Beatrix in Amsterdam übertönten 1980 ebenfalls Polizeisirenen die feierlichen Klänge.

Diese Protestgeneration war im Schnitt ganze zehn Jahre jünger als ihre Vorgänger im Jahr 1968 und anders als die träumte sie nicht von der romantischen Utopie einer klassenlosen Flower-Power-Gesellschaft. Sie trug schwarz, den zeitgenössischen Punk-Schlachtruf „No Future!“ hatte sie verinnerlicht.[3] Die bunte Utopie der 60er Jahre war der tiefschwarz deprimierten Dystopie gewichen.

Bremen war aufgrund zweier Faktoren als Schauplatz des Gelöbnisses erwählt worden: Zunächst, da dort 1955 erstmals Rekruten vereidigt worden waren, zweitens, weil Bundespräsident Karl Carstens sich diesen Festakt für seine Heimatstadt wünschte. Ein zusätzlicher Anlass war das 25-jährige Jubiläum der Mitgliedschaft der Bundeswehr in der NATO. Dabei galt das politische Umfeld in Bremen als ausgesprochen links und antimilitaristisch. Neben diversen undogmatischen Gruppen hatte hier auch der bestens vernetzte Kommunistische Bund Westdeutschland seinen Sitz.

Bundeskanzler Helmut Schmidt und Verteidigungsminister Hans Apel hatten dabei im Vorfeld sogar noch die Erwartungen der Heeresführung abbremsen müssen. Denn seitens der Bundeswehr plante man zunächst einen weitaus martialischeren Aufzug als den Appell im Stadion: Ursprünglich sollten Panzer und Artillerie auffahren und Kampfjets über die Weser donnern.[4]

Die Situation barg auch so schon genug Gefahrenpotenzial. In Flugschriften und Broschüren mobilisierten die diversen Aktivisten gegen das Gelöbnis und sahen darin ein gefährliches Anknüpfen an militärische Traditionen der Wehrmacht, was von konservativen politischen Entscheidungsträgern sogar beabsichtigt gewesen sein mag.

Der Kommunistische Bund Westdeutschland schrieb in einem offenen Brief an diverse Empfänger: „Trotz Drohung der beiden Supermächte gegenüber den europäischen Völkern, will die Bundesregierung aber aus dieser Situation maximale Nutzen für den Geldsack herausschlagen, als Partner einer der beiden kriegsführenden Seiten. Mit dieser konkreten Absicht mobil zu machen, eine Schicksalsgemeinschaft des ganzen deutschen Volkes um die Bundeswehr zu schmieden, darum geht es der Bundesregierung mit Billigung der Bremer Landesregierung. Deshalb die öffentliche Vereidigung.“[5]

Der geplante Protest fand selbst innerhalb der SPD Zuspruch und zeigte den sich abzeichnenden Widerspruch zwischen Parteibasis und –führung auf, wie er auch bereits in der Atompolitik offensichtlich geworden war. Die Polizei ging im Vorfeld der Gelöbnisfeier davon aus, dass es zur Vermischung der diversen Demonstrationszüge kommen könnte, wodurch Militante in der breiten Masse der überwiegend friedlich Protestierenden untertauchen könnten.

Am Tag selbst traf sich die Prominenz aus Politik und Heer zunächst zu einem Empfang im Bremer Rathaus, während sich auf den Straßen das Chaos abzuzeichnen begann. Apel und Carstens wurden per Helikopter ins Stadion eingeflogen. Andere hochrangige Teilnehmer mussten sich dagegen auf Schleichwegen durch Schrebergartenkolonien zum Weserstadion begeben, um den Straßenschlachten zu entgehen.[6]

Ein Untersuchungsbericht des Bundestages skizzierte den folgenden Ablauf des Abends: Um 18.30 Uhr brachen Militante erstmals eines der Stadiontore auf, kurz darauf konnten sie jedoch von Polizisten und Soldaten zurückgedrängt werden. Ein Bus der Bundeswehr war da bereits umgestürzt und angesteckt worden.[7]

Die Zahl der Gewalttäter bezifferte sich auf etwa 300 bis 1000, die mit Steinen, Stangen und Molotowcocktails bewaffnet waren. Die Gesamtzahl aller anwesenden Demonstranten an jenem Tag wurde im Untersuchungsbericht auf maximal 15.000 geschätzt. Im Verlauf des Abends konnten seitens des Sicherheitspersonals weitere Angriffe auf das Weserstadion selbst verhindert werden. Dort fanden ohne weitere Zwischenfälle vor etwa 9000 Zuschauern Großer Zapfenstreich und Gelöbnis statt.

Ganz anders dagegen die Zustände außerhalb, wo Polizisten und Gelöbnisgegner einander durch die Straßen jagten. Das Ausmaß der Gewalt kam für die Ordnungshüter völlig überraschend, sie verloren auch bald den Überblick. So etwa als friedliche Demonstranten eine Kette zwischen Polizei und Militanten zu bilden versuchten, diese aber durch massiven Einsatz von Wasserwerfern aufgelöst wurde.

Staatliche Kritik erfuhr später Radio Bremen, wo in einer Livesendung im Jugendprogramm „Großer Popkarton“ für die Anliegen der Demonstranten Partei ergriffen wurde. Die Texte der dazwischen gesendeten Musiktitel, fanden sogar Eingang in den bereits zitierten Bericht des Untersuchungsausschusses: „Was ist uns das Leben wert// wenn die SPD regiert, //wie das Kapital diktiert// in der BRD// schnell ein neues Notgesetz// Maulkorb, Razzien, Spitzelnetz// alle Linken in KZ’s// in der BRD.“[8]

Die Bilanz der Schlacht liest sich verheerend: Die Polizei meldete 257 verletzte Beamte, die Bundeswehr lediglich drei Verletzte. Wenigstens 50 Demonstrierende mussten behandelt werden, wobei die Dunkelziffer weitaus höher gelegen haben dürfte. Die Bilder von ausgebrannten Fahrzeugen der Bundeswehr gingen schon unmittelbar nach den Unruhen durch die bundesdeutschen Medien. Das legitime Anliegen der friedlichen Demonstranten war völlig in den Hintergrund geraten.

Die Sicherheitsbehörden zogen aus dem Bremer Chaos offenbar die für sie richtigen Schlüsse und konnten ähnliche Vorkommnisse im November 1980 verhindern, als in der Bundeshauptstadt Bonn ein weiteres öffentliches Gelöbnis stattfand. Die Fernsehübertragung allerdings wurde dort durch etwa 300 Gelöbnisgegner massiv gestört.[9]

Im Nachhinein warfen der Protest in Bremen und die innere Zerrissenheit der SPD bereits ein Schlaglicht auf den Bruch der sozialliberalen Koalition zwei Jahre darauf. In der SPD begehrte der linke Flügel auf, der das Gelöbnis massiv kritisiert hatte und ebenso den NATO-Doppelbeschluss ablehnte, den Bundeskanzler Schmidt forcierte. Umgekehrt versuchte Franz Josef Strauß als Kanzlerkandidat der Union die Bremer Ereignisse für seinen Wahlkampf im selben Jahr zu instrumentalisieren.

Für diverse K-Gruppen, die in den 1970er Jahren am Rande des linken politischen Spektrums ihr Dasein fristeten, stellten die Proteste gegen die Gelöbnisse ihren letzten großen Auftritt dar. Sie verloren sich alsbald in inneren Konflikten, viele ihrer Mitglieder fanden bei den gerade erst gegründeten Grünen eine neue politische Heimat.

Bundeswehrgelöbnisse verschwanden für mehrere Jahre wieder aus dem öffentlichen Umfeld und wurden auf Kasernenhöfen durchgeführt. Erst in der Berliner Republik wurde dieses Zeremoniell wieder forciert und vielfältig öffentlichkeitswirksam abgehalten, wie etwa vor dem Berliner Reichstag. Die Proteste dagegen sollten nie wieder den Grad an Gewalt wie in Bremen erreichen.

Literatur

  • Bericht des Verteidigungsausschusses als 2. Untersuchungsausschuß nach Artikel 45 a Abs. 2 Grundgesetz zu dem Antrag der Mitglieder der Fraktion der CDU/CSU im Verteidigungsausschuß auf Einsetzung des Verteidigungsausschusses als Untersuchungsausschuß zur Untersuchung der Vorgänge im Zusammenhang mit den blutigen Krawallen anläßlich des öffentlichen Gelöbnisses von Bundeswehrsoldaten am 6. Mai 1980 Im Bremer Weserstadion. Bonn. 1980.
  • Bösch, Frank. Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann. München. 2019.
  • Hammerich, Helmut R. »Stets am Feind!« Der Militärische Abschirmdienst (MAD) 1956–1990. Göttingen. 2019.
  • Hezel, Lukas Jonathan. „Was gibt es zu verlieren, wo es kein Morgen gibt?“ Chronopolitik und Radikalisierung in der Jugendrevolte 1980/81 und bei den Autonomen. In: Esposito, Fernando (Hg.). Zeitenwandel. Transformation geschichtlicher Zeitlichkeit nach dem Boom. Göttingen. 2017. S. 119-153.
  • Regener, Sven. Neue Vahr Süd. Frankfurt am Main. 15 2006.
  • Signale überhört. In: Der Spiegel. Nr. 20/1980. S. 25-27.

[1] Regener, Sven. Neue Vahr Süd. Frankfurt am Main. 15 2006. S. 602.

[2] Bösch, Frank. Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann. München. 2019. S. 120

[3] Hezel, Lukas Jonathan. „Was gibt es zu verlieren, wo es kein Morgen gibt?“ Chronopolitik und Radikalisierung in der Jugendrevolte 1980/81 und bei den Autonomen. In: Esposito, Fernando (Hg.). Zeitenwandel. Transformation geschichtlicher Zeitlichkeit nach dem Boom. Göttingen. 2017. S. 119-153. Hier: S. 121.

[4] Signale überhört. In: Der Spiegel. Nr. 20/1980. S. 25-27.

[5] Bericht des Verteidigungsausschusses als 2. Untersuchungsausschuß nach Artikel 45 a Abs. 2 Grundgesetz

zu dem Antrag der Mitglieder der Fraktion der CDU/CSU im Verteidigungsausschuß auf Einsetzung des Verteidigungsausschusses als Untersuchungsausschuß zur Untersuchung der Vorgänge im Zusammenhang mit den blutigen Krawallen anläßlich des öffentlichen Gelöbnisses von Bundeswehrsoldaten am 6. Mai 1980 Im Bremer Weserstadion. Bonn. 1980. S. 15.

[6] Signale überhört. In: Der Spiegel. Nr. 20/1980. S. 25-27.

[7] Bericht des Verteidigungsausschusses. S. 18.

[8] Ebd. S. 19.

[9] Hammerich, Helmut R. »Stets am Feind!« Der Militärische Abschirmdienst (MAD) 1956–1990. Göttingen. 2019. S. 420.

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