Hexenwahn im Wirtschaftswunderland

Hexen als Teil lokaler Folklore: „Hexentanzplatz“ in Hanstedt in der Lüneburger Heide
(Quelle: Ingelore Jebens, siehe: www.Lueneburger-heide.de)

Die Angst vor Hexen gehört heute zum Bild einer unaufgeklärten Zeit. Jedoch verschwand der Wahn um sie keineswegs mit dem Einzug der Moderne aus Norddeutschland. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte er sich im ländlichen Raum. Behörden und engagierte Persönlichkeiten kämpften gegen den Aberglauben in den Dorfgemeinden an. – Von Florian Tropp

Man kennt sie heute als comicartige Figur. Die alte Frau mit gebücktem Rücken, krummer Nase, spitzem Hut und fliegendem Besen. Im Harz lockt sie vielerorts Touristen in den Urlaub. Ihr Bild ist positiv besetzt, sie gilt geradezu als Symbol der Emanzipation und eines Lebens im Einklang mit der Natur.

Vor 70 Jahren dagegen dominierte noch eine ganz andere Charakterisierung. Ängstlich schlichen manche Dorfbewohner nachts um ihre Häuser und versuchten denjenigen nachzuspüren, die mit dem Teufel im Bunde stünden. Wer von den Nachbarn als „Hexe“ identifiziert worden war, der war aus der sozialen Gemeinschaft ausgestoßen und konnte kaum wieder Fuß fassen. Wie war es möglich, dass sich der naive Volksglaube so lange hielt?

Ganz weg war er nie gewesen, die Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit hatte sich, im wahrsten Sinne des Wortes, tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Norddeutschland war zwar (mit Ausnahme Mecklenburgs) keine Region besonders energischer Hexenverfolgung. Doch auch hier standen Personen wegen des Vorwurfs des Paktes mit dem Teufel vor Gericht.

Das Kriegsende 1945 brachte schließlich fundamentale soziale Umwälzungen mit sich, viele Menschen waren entwurzelt und fanden keinen Halt. Vor allem in Schleswig-Holstein und Niedersachsen, ließen sich zahlreiche Geflüchtete aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nieder.

Jüngst erschienen ist die Monografie der US-Historikerin Monica Black, die sich in ihrem Werk „A Demon-Haunted Land“ mit dem verblüffenden Erfolg von Wunderheilern und dem Hexenwahn in der unmittelbaren (bundes-) deutschen Nachkriegszeit befasst. Black deutet in ihrer Studie die Hinwendung zum Übernatürlichen als Neuorientierung der Bevölkerung nach dem Ende des Nationalsozialismus und als Verschließen der Augen vor der eigenen Schuld am Holocaust.[1]

Die Hysterie jener Jahre war dabei keineswegs auf Gegenden fernab des urbanen Lebens beschränkt. Auch in Städten fanden Wunderheiler begeisterte Anhänger. Der bekannteste war Bruno Gröning, der in der gesamten Bundesrepublik Aufsehen erregte. Tausende pilgerten zu den Orten in denen er Halt machte, um sich von dem Mann heilen zu lassen, durch den ein göttlicher Strom fließen sollte. Die Behörden hegten Argwohn gegenüber seinem Treiben, die langfristige Heilung der Hilfesuchenden wurde in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Doch bis heute halten sich Gefolgsleute des Gurus.[2]

In der norddeutschen Provinz waren derweil Mittel, die Abhilfe gegen Schadenzauber versprachen, überaus beliebt. Apotheken und Drogerien hatten sie häufig im Angebot, wie das Hamburger Abendblatt fassungslos feststellte und kommentierte, „daß viele Drogerien wieder das „Gegen-aller-Menschen-Ärgernis-Präparat“ verkaufen. Eine vertrocknete Wurzel, einer Dahlienknolle ähnlich. Sie „hilft“ gegen böse Geister – für 25 Pf.! Die Drogisten hatten viele Jahre das Kraut nicht geführt, bis sich ein Sturm der Entrüstung erhob. Sie mußten den „Artikel“ wieder aufnehmen.“[3] Auch andere Produkte mit mystisch klingenden Namen wie „Drachensud“ oder „Teufelsdreck“ waren in Dithmarschen oder der Lüneburger Heide noch lange Jahre äußerst begehrt.

Überregionale Medien berichteten häufig über die sonderbaren Auswüchse dieses Wahns. Große Wellen schlug 1951 der Prozess gegen den Bauern Johannes Bading aus Barum in der Lüneburger Heide. Die Badings waren schon vor dem Krieg eine der wohlhabendsten Familien im Ort gewesen, so besaß die Familie ein Auto und Tochter Irma viel Schmuck.[4] Als eines seiner Pferde erkrankte, vermutete der Bauer, es sei verhext worden. Er konsultierte daraufhin Fachleute für Übernatürliches, die gegen den dunklen Zauber Abhilfe schaffen sollten.[5] Bading klebte auf deren Rat hin sämtliche Öffnungen auf dem Hof gegen vermutete giftige Dämpfe ab. Alsbald verdächtige er die Familie des Postboten, sich gegen ihn verschworen und das Vieh verhext zu haben.

Schnell verdächtigte er weitere Mitglieder der Dorfgemeinschaft. Im Umkehrschluss grenzten die Nachbarn die Badings tatsächlich aus ihrer Gemeinschaft aus, da niemand Weiteres von ihnen verdächtigt werden wollte. Vor Gericht landete der Fall, als der Streit zwischen Bading und dem Postboten eskalierte. Der Landwirt verletzte ihn mit einer Schaufel schwer, vor Gericht kam er mit einer Geldstrafe von 300 DM davon.[6] Im Jahr darauf kam es zu einer weiteren Gewalttat. Die Eltern Bading starben kurz darauf, zurück blieb die Tochter, die seelisch von der nächtlichen Hexenjagd auf dem Hof und der Schikane im Dorf gezeichnet war. Sie verbrachte einen großen Teil ihres Lebens in diversen psychiatrischen Einrichtungen und fand nie wieder zu einer eigenständigen Existenz zurück.[7]

Solche Schicksale waren keine Ausnahmen. Allein im Jahr 1950 waren vor dem Gericht in Lüneburg mehr als ein Dutzend Fälle ähnlicher Art verhandelt worden.[8] Spektakuläre Taten sorgten für Entsetzen und längst nicht alle von diesen dürften dokumentiert worden sein. An manchen Orten im Norden kam es zu Selbstmord und Totschlag, allein weil der Glaube an Hexen Menschen in die Verzweiflung getrieben hatte.

Bundesweit boten Apotheken noch in den 1960ern allerlei „Mittel“ gegen Hexen an (Quelle: SWR)

Ein Mann stellte sich dem Hexenwahn der 50er Jahre couragiert entgegen: Johann Kruse, Lehrer aus Hamburg-Altona, war ein überzeugter Verfechter des säkularen Staates und Gegner jedweden Spiritismus, die Hexenbanner begriff er als seine natürlichen Feinde. Der gebürtige Dithmarscher besuchte die menschenarmen Regionen des Nordens und agitierte vor Ort auf eigene Faust gegen die Furcht der Bevölkerung.

Insbesondere versuchte er juristisch die Verlegung des 6. und 7. Buchs Moses zu unterbinden, das in der damaligen Bundesrepublik viel Publikum fand. Vornehmlich enthielt es abergläubische Ratschläge gegen allerlei Übel. Kruse sah es als Unheil an, das allen Hexenbannern und ihren Gefolgsleuten als Berechtigung diene und damit den modernen Hexenwahn begründete.[9]

Kruse war den Printmedien als beliebter Gesprächspartner bekannt. Er galt als Fachmann und engagierter Aktivist, der leidenschaftlich für seine Ziele stritt. Sein Hauptwerk war 1951 unter dem Titel „Hexen unter uns?“ erschienen. Darin brachte Kruse die soziale Praxis der Ächtung in der dörflichen Gemeinschaft auf den Punkt. Jede Person konnte für jedwedes Unheil verantwortlich gemacht werden, denn nach Auffassung in vielen Dörfern gebe es „kein Unglück, an dem nicht eine Hexe schuld sein könnte.“[10] Der Titel von Kruses Werk bildete dabei implizit eine Parallele zur Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung im Nationalsozialismus und der Brandmarkung vermeintlicher Hexen in den Gemeinden. 1946 war unter dem Titel „Die Mörder sind unter uns“ ein Spielfilm erschienen, der sich als allererster mit der Frage der deutschen Schuld an Weltkrieg und Völkermord befasste. In Altona baute Kruse sein „Archiv zur Erforschung des modernen Hexenwahns“ auf, in dem der Mystizismus seiner Zeit für die Nachwelt festgehalten wurde.

Auch 1956 sollte Kruse zugegen sein, als in Sarzbüttel in Dithmarschen Waldemar Eberling vor Gericht stand, einer der prominentesten Hexenbanner seiner Zeit. Selbst die Wochenschau schickte Kamerateams, die den Prozess auf Zelluloid bannten. Aufgrund des großen Interesses fand er größtenteils in örtlichen Wirtshäusern statt, ein Inhaber freute sich bereits bei einer früheren Verhandlung über einen Umsatz wie sonst bestenfalls zu Erntedank.[11] Aufgrund der Zeugenaussagen wurde deutlich, dass Eberling bei der lokalen Bevölkerung überaus angesehen war und er für sie eine wichtige Vertrauensperson darstellte.

Wie in anderen Fällen, wenn Hexenbanner für ihr Handeln vor Gericht standen, konnte auch in Sarzbüttel ein Urteil nur wegen Verstößen gegen das Heilpraktikergesetz erfolgen, dazu kam ein Fall von Verleumdung. Der Richter verhängte ein Strafmaß von vier Monaten Haft, die zur Bewährung ausgesetzt wurden und 400 DM Geldstrafe gegen den Hexenbanner.

Eberlings Popularität sollte das Urteil keinen Abbruch tun. In späteren Jahren wurde er bei sich zu Hause in Nordhastedt weiterhin regelmäßig um Rat in Hexenangelegenheiten gebeten. Zahlreiche Autos mit dänischen Kennzeichen legten Zeugnis davon ab, dass sein Ruf ihm auch jenseits der deutschen Grenze vorauseilte.[12] Kruse kämpfte weiter für die Aufklärung und gegen den Aberglaube – bis zu seinem Tod 1983. Sein Archiv ging anschließend in den Besitz des MARKK in Hamburg, des damaligen Völkerkundemuseums über, wo es derzeit im Depot eingelagert ist.

Global ist ein Kampf gegen den Hexenwahn weiterhin bitter notwendig, denn noch immer kommt es zu Fällen von Anschwärzen, Ausgrenzen und Gewalttaten gegen Menschen, denen der Umgang mit schwarzer Magie vorgeworfen wird. Am 10. August 2020 fand daher erstmals der „Internationale Tag gegen den Hexenwahn“ statt, ausgerufen vom katholischen Hilfswerk missio.[13]

Wann genau der Hexenwahn der deutschen Nachkriegszeit endete, ist schwer zu sagen. Apotheken und Drogerien nahmen die Heilmittel gegen Schadenzauber allmählich aus dem Sortiment. Es wäre aber verfehlt zu sagen, dass der Hexenglaube in Deutschland gänzlich verschwunden sei, er hat sich lediglich transformiert. Denn Esoterik ist heute ein Milliardenmarkt, der Alternativen zur technisierten rationalen Welt der Gegenwart bieten will.


Quellen

  • Himmelsbriefe und Hexensabbat. In Hamburger Abendblatt. 18. Mai 1951. S. 10.
  • Hamburger Lehrer gegen einen „Best-Seller“. In: Hamburger Abendblatt. 25. November 1953. S. 3.
  • Der Hexer von Sarzbüttel. In: Hamburger Abendblatt. 25. Mai 1955. S. 14.
  • Bis das Blut kommt. In: Der Spiegel. 1951. H. 14. S. 8-11.

 

Literatur

  • Black, Monica. A Demon-Haunted Land. Witches, Wonder Doctors, and the Ghosts of the Past in Post-WWII Germany. New York. 2020.
  • Kruse, Johann. Hexen unter uns? Magie und Zauberglauben in unserer Zeit. Hamburg. 1951.
  • Pintschovius, Hans-Joska. „Heute wie zu allen Zeiten…“ – Hexerei vor deutschen Gerichten. Harmening, Dieter (Hg.).; in Zusammenarbeit mit Bauer, Dieter R. Hexen heute. Magische Traditionen und neue Zutaten. Würzburg. 1991. S. 79-87.
  • Unverhau, Dagmar. „Hexen unter uns?“ – Die Vorstellungen eines modernen Kämpfers gegen Hexenwahn in der modernen Hexenforschung. In: Harmening, (Hg.).; mit Bauer, Dieter R. Hexen heute. S. 55-79.

[1] Black, Monica. A Demon-Haunted Land. Witches, Wonder Doctors, and the Ghosts of the Past in Post-WWII Germany. New York. 2020. S. 12-16.

[2] https://www.nzz.ch/zuerich/heilung-per-foto-wie-anhaenger-des-umstrittenen-bruno-groening-freundeskreises-in-zuerich-fuer-ihre-sache-werben-ld.1429432, zuletzt aufgerufen am 8.1.2021 um 17.00 Uhr.

[3] Himmelsbriefe und Hexensabbat. In Hamburger Abendblatt. 18. Mai 1951. S. 10.

[4] Pintschovius, Hans-Joska. „Heute wie zu allen Zeiten…“ – Hexerei vor deutschen Gerichten. Harmening, Dieter (Hg.).; in Zusammenarbeit mit Bauer, Dieter R. Hexen heute. Magische Traditionen und neue Zutaten. Würzburg. 1991. S. 79-87. Hier: S. 82.

[5] Bis das Blut kommt. In: Der Spiegel. 1951. H. 14. S. 8-11. Hier: S. 10.

[6] Himmelsbriefe und Hexensabbat. S. 10.

[7] Pintschovius,. „Heute wie zu allen Zeiten…“ In: Harmening (Hg.). Magische Traditionen. S. 82.

[8] Bis das Blut kommt. In: Der Spiegel. S. 12.

[9] Hamburger Lehrer gegen einen „Best-Seller“. In: Hamburger Abendblatt. 25. November 1953. S. 3.

[10] Kruse, Johann. Hexen unter uns? Magie und Zauberglauben in unserer Zeit. Hamburg. 1951. S. 12.

[11] Der Hexer von Sarzbüttel. In: Hamburger Abendblatt. 25. Mai 1955. S. 14.

[12] Black. A Demon-Haunted Land. S. 195.

[13] https://www.missio-hilft.de/mitmachen/glauben-teilen/glaubenszeugen/schwester-lorena-jenal/internationaler-tag-gegen-hexenwahn/, zuletzt aufgerufen am 8.1.2021 um 17.00 Uhr.

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