Pandemiebekämpfung anno 1529

Die Mediziner des 16. Jahrhunderts waren gegen den Schweiß weitgehend machtlos
(Aus einer Studie des Arztes Euricius Cordus von 1529. Quelle: Early books on medicine, natural sciences and alchemy. | Wellcome Collection, CC BY 4.0)

Das Coronavirus lähmt weltweit das öffentliche Leben. Es ist beileibe nicht die erste gesundheitliche Plage, die den Norden heimsucht. Cholera, Pest und andere Krankheiten forderten in großer Zahl ihre Opfer. Vor fast 500 Jahren grassierte hierzulande eine Seuche, die urplötzlich über die Menschen kam und bis heute Fragen aufwirft. – Von Florian Tropp

Gevatter Tod kam mit dem Schiff. Davon ahnten die Bürger Hamburgs nichts, als im Juli 1529 ein aus England kommendes Schiff unter Kapitän Hermann Evers im Hafen anlegte. An Bord hatte er nicht nur Handelsgüter, sondern auch ein Virus. Schon auf der Überfahrt waren zwölf seiner Seeleute verstorben. Es dauerte nicht lange, da grassierte sie auch in den Gassen der Hansestadt.[1]

Bald verspürten die Ersten Schüttelfrost und Kopfschmerzen, schnell folgten heftige Schweißausbrüche, die Erkrankten sollen einen beißenden Gestank verströmt haben. Kurz darauf bemerkten sie auch Herzrasen und mussten erbrechen, durch die Schweißausbrüche erfolgte eine massive Dehydrierung. Oft dauerte es anschließend nicht lange, bis die Betroffenen ins Koma fielen und danach verstarben. Englischer Schweiß, so nannten die Zeitgenossen im 16. Jahrhundert die mysteriöse Erkrankung. Wie ihr Name vermuten lässt, trat sie zunächst in Großbritannien auf – und 1529 war sie nicht das erste Mal zu beobachten.

In England herrschte in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Chaos, verschiedene Herrschergeschlechter rangen um die politische Macht, ihre Söldnerheere terrorisierten die einfache Landbevölkerung. Bei Bosworth in Mittelengland prallten im Sommer 1485 die Heere der Häuser York und Lancaster aufeinander, die rote Rose Lancasters triumphierte dabei über die weiße Rose Yorks. Verlieren aber sollte anschließend die gesamte Bevölkerung Englands.

Denn kurz darauf trat erstmals der Englische Schweiß in die Welt, der sich unter den Armeen schnell vermehrte. Er stellte die damalige Medizin vor ein Rätsel. In insgesamt fünf Wellen brauste die Plage über die britischen Inseln zwischen 1485 und 1551 hinweg.[2] Erst die Pandemie von 1529 aber sollte in nennenswertem Maße auch in Kontinentaleuropa Opfer fordern. Anders als bei vielen anderen Krankheitsverläufen waren es nicht etwa die Älteren und Gebrechlichen, die ihr zum Opfer fielen, sondern oftmals gesunde Menschen im besten Alter. In dieser Hinsicht glich die sonderbare Seuche der Spanischen Grippe, die vor 100 Jahren ebenfalls vornehmlich jüngere Menschen tötete.[3]

Darüber hinaus entstammten die meisten Todesopfer gehobenen sozialen Schichten, was schon damals auffiel und auf starken Widerhall im Volksmund traf. „Stoop-Gallant“ nannten viele Leute einfacher Herkunft sarkastisch die Krankheit, in Anspielung auf das zur Schau gestellte ritterliche Gehabe des damaligen Jetsets, der sich nun der Erkrankung beugen („to stoop“) musste. Bis ins englische Königshaus wütete der Schweiß, mehrere Prinzen fielen ihm zum Opfer und König Heinrich VIII. floh in Panik mit seinem Gefolge aus London.

Mit den Methoden ihrer Zeit waren die Mediziner dem neuen Krankheitsbild haushoch unterlegen. Es ist sogar nicht auszuschließen, dass ihre Bemühungen die Lage ihrer Patienten eher noch verschlimmerten. Die Plage suchten die Ärzte vielerorts dadurch zu heilen, dass sie die Erkrankten in mehrere Decken einwickelten, freilich ohne die Patienten vorher zu entkleiden. Da sie diese auch bei Harn- oder Stuhlgang nicht ablegen durften, ist der Gestank, den viele von ihnen verströmten, leicht zu erklären. Diverse Pulver und strenges Fasten sollten zu einer baldigen Heilung führen. Später lockerte man die rigide Praxis des Einwickelns, was auch zu einer größeren Chance auf Heilung führte.[4]

Davon zeugt auch eine norddeutsche Quelle aus damaliger Zeit: Johann Adolfi Köster, genannt Neocorus, war ein Ditmarscher Pastor und Chronist, der im 16. Jahrhundert die Geschichte seiner Heimat niederschrieb. Er erwähnt darin eine „unerhortte Suke (= Seuche)“, „Schwedtsucht edder Englische Sucht genömet“. Daran seien viele Menschen verstorben, davon sei ein großer Teil noch nicht älter als 24 Jahre gewesen, was den Chronisten sehr verwunderte. Allerdings stellte er auch fest, dass diejenigen, die sich nicht zu warm kleideten, eine bessere Chance auf Heilung besäßen.[5]

Die Mediziner der Frühen Neuzeit räumten bei der Beschreibung des Englischen Schweißes den Körpersekreten auffällig viel Platz ein. Dies verwundert jedoch nur bedingt: Die vormoderne europäische Medizin basierte auf der sogenannten Vier-Säfte-Lehre, die der griechische Arzt Galen schon in der Antike aufstellte. Demnach waren Krankheiten im Ungleichgewicht der vier Flüssigkeiten Blut, schwarze Galle, gelbe Galle und Schleim begründet.

Im Alltag der Menschen des 16. Jahrhunderts in England war die Sorge vor dem Schweiß allgegenwärtig. Shakespeare ließ in seinem Stück „Maß für Maß“ eine Kupplerin klagen: „So bringen mich denn teils der Krieg und teils das Schwitzen, und teils der Galgen, und teils die Armut um alle meine Kunden.“[6]

1529 traf es dann auch die deutschen Lande. Für Hamburg wird immer wieder eine Zahl von 1.100 Todesopfern durch den Schweiß genannt, bei damals erst 20.000 Einwohnern eine immense Zahl. Quelle für diese Summe ist der Hamburger Kirchenhistoriker Nicolaus Staphorst, der allerdings erst 200 Jahre später von den Ereignissen berichtete. Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts übernahmen seine Zahlen kritiklos.

Wie hoch die Opferzahlen wirklich waren, lässt sich heute nur noch bedingt rekonstruieren und konkrete Bezifferungen sind stets mit Vorsicht zu genießen. Indizien aber lassen Historiker Schlüsse über die Heftigkeit der Ausbrüche an verschiedenen Orten schließen. In Lübeck etwa, damals noch die „Königin der Hanse“ und der dominierende Standort des Ostseehandels, schoss die Zahl der aufgesetzten Testamente im Sommer 1529 in die Höhe. Die darin getroffenen Formulierungen lassen zudem erahnen, dass ein Großteil dieser Dokumente in aller Schnelle verfasst wurde, da sie schon kurz darauf vollstreckt werden würden.[7]

Ebenso fiel in Eckernförde eine nennenswerte Menge Menschen der Seuche zum Opfer. In Boizenburg starben laut damaligen Quellen 60 Personen. Dort ging schließlich auch die Residenz der Herzogs von Mecklenburg vorübergehend in den Lockdown und fast alle Beschäftigten wurden heimgeschickt. An der Universität in Rostock, der ältesten im Norden, waren 1529 keine Neueinschreibungen zu verzeichnen. Offenbar schreckte die Seuche viele Studierende ab.[8] Auch in Süddeutschland wurde der Schweiß registriert und dezimierte vielerorts die Stadtbevölkerung. In Italien und Frankreich allerdings brach er aber offenbar nur in geringem Maße aus.

Waren diese Hantaviren Auslöser der Pandemie?
(Quelle: Sin_Nombre_hanta_virus_TEM_PHIL_1136_lores.jpg (3060×2033) (wikimedia.org), Public Domain)

Welche Krankheit aber verbarg sich hinter dem Englischen Schweiß? Mediziner und Historiker diskutieren seit Langem darüber, an Hypothesen mangelt es dabei nicht. Dass die Diagnose heute immer noch aussteht, macht die Krankheit für den modernen Leser umso unheimlicher. Ohne Frage leistete die mangelhafte Hygiene der damaligen Zeit der Ausbreitung Vorschub, die oben erwähnten Behandlungsmethoden erschwerten eine Heilung sogar noch. Die Seuche trat stets im Sommer auf, wobei dieser in aller Regel feucht ausfiel.

Oftmals trat der Schweiß in geringem zeitlichen Abstand zur Pest auf. 1517 etwa folgte auf einen Schweißausbruch in London eine Pestepidemie, die auch bedeutend mehr Menschen tötete. Dennoch wussten die Menschen der Frühen Neuzeit genau zwischen den beiden Krankheitsbildern zu unterscheiden.[9]

Im engeren Kreis der verdächtigten Krankheiten befinden sich vor allem Ausprägungen der Grippe. Ebenso sind jedoch viele andere Vorschläge erwogen worden. Seit einigen Jahren vermuten Medizinhistoriker Hantaviren als Verursacher des Schweißes. Sie werden vorwiegend von Nagetieren auf den Menschen übertragen und die Infektion hat starkes Fieber mit möglichem Nierenversagen zur Folge. Bis heute treten sie global auf, allerdings steht am Ende des Krankheitsverlaufes in den seltensten Fällen der Tod. Demnach müssten die Hantaviren der Frühen Neuzeit weitaus virulenter gewesen sein. Nicht zuletzt, da es anscheinend nach Mitte des 16. Jahrhunderts keine akuten Ausbrüche mehr in Großbritannien gab. Die Indizien genügen letztlich nicht, um Hantaviren als Übeltäter überführen zu können.[10]

Wie der Schweiß in die Welt kam, so verschwand er plötzlich auch wieder. Die Hysterie, die er auslöste, erscheint uns Zeitzeugen der Corona-Pandemie nur allzu nah. Sowohl in der Ahnungslosigkeit der Bevölkerung des 16. Jahrhunderts über die Herkunft der Krankheit, als auch bei der Suche nach Methoden zur Heilung und der Praxis des Umgangs mit ihr, lassen sich Parallelen zur Gegenwart erkennen. So erscheinen uns die Menschen der Frühen Neuzeit in diesem Kontext heute viel näher, als man allgemein denken könnte.

Literatur und Quellen


[1] Gerste, Ronald D. Da half nicht mal die Flucht aufs Land. Siehe: https://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/schweisskrankheit-in-england-da-half-nicht-mal-die-flucht-aufs-land-13127006.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2, zuletzt aufgerufen am 04.12.2020 um 11.00 Uhr.

[2] Flamm. Heinz. Anno 1529 – der „Englische Schweiß“ in Wien, die Türken um Wien. In: Wiener Medizinische Wochenschrift. 2020. 170. S. 59-70. Hier: S. 60.

[3] Seewald, Berthold. Die Seuche die schneller tötete als die Pest. Siehe: https://www.welt.de/geschichte/article180675502/Englischer-Schweiss-Die-unbekannte-Seuche-die-schneller-toetete-als-die-Pest.html, zuletzt aufgerufen am 04.12.2020 um 11.00 Uhr.

[4] Flamm. Anno 1529. S. 62-64.

[5] Ed. Dahlmann, Friedrich Christoph. Neocorus. Chronik des Landes Dithmarschen. Aus der Urschrift herausgegeben von Prof. Friedrich Christoph Dahlmann. 2 Bde. Kiel. 1827. Bd. 2. S. 69.

[6] Shakespeare, William. Maß für Maß. Bearbeitet von Wolf Graf Baudissin. Berlin. 2015. S. 9

[7] Christiansen, John. The English Sweat in Lübeck and North Germany, 1529. In: Medical History. 2009. 53. 3. S. 415–424.

[8] Ebd. S. 418.

[9] Heyman, Simons, Cochez. Were the English Sweating Sickness. S. 159.

[10] Ebd. S. 163.

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