Hannovers große 153 Tage

Wahrzeichen der Expo 2000: Die gelben Gondeln der SeilbahN
(Quelle: Jürgen Götzke, CC-BY-SA DE 3.0, siehe: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c0/Expo2000_seilbahn1.jpg

20 Jahre ist es heute her, dass in Niedersachsens Landeshauptstadt die Expo ihre Tore schloss. Sie war mit hohen Erwartungen gestartet, die großen Hoffnungen konnte sie aber nicht erfüllen. Den meisten ist sie heute als finanzielles Desaster in Erinnerung oder gar völlig vergessen. Für den Autor dieser Zeilen war sie damals aber ein Sehnsuchtsort. – Von Florian Tropp

Wir waren wie der Kraftwerk-Expojingle
Kurz aber fatal
Wie ein Sonntagabend nach einer Landtagswahl
Ein Baum wächst schräg und ständig durch den deutschen Pavillon
Kanzler und Präsidenten
Singen im Niedersachsenstadion

(Thees Uhlmann, Was wird aus Hannover, 2019)[1]

Hannover ist nicht der große Hingucker. Die Metropole an der Leine hat ihren Ruf als graue Betonlandschaft ohne jeden Liebreiz weg. Jeder, der einmal am dortigen Hauptbahnhof angekommen ist und sich in der Innenstadt umgeschaut hat, der kann das verstehen. Zumal die nächste ICE-Haltestelle von Hamburg in Richtung Süden das pittoreske Göttingen ist, das mit Heimeligkeit und Studentencharme lockt.

Für mich war das im Sommer 2000 anders. Voller kindlicher Naivität blickte ich nach Niedersachsen. Vor meinem inneren Auge entfaltete sich ein bunter Kosmos aller Kulturen der Welt, geeint im Glauben an den Fortschritt in diesem neuen Jahrtausend. Das World Trade Center stand noch, dem Klima ging es vermeintlich prima. Mein gegenwärtiges Problem war damals sehr viel simpler und es ließ sich klar beziffern.

69 Deutsche Mark – so viel kostete eine Tageskarte für die Expo 2000 für Erwachsene.[2] Für einen knapp 10-jährigen war das eine Menge Geld, das sah ich ein. Davon hätte man schließlich viel Lego kaufen können und das war damals mein finanzieller Richtwert für so ziemlich alles. Dennoch dachte ich: So eine Weltausstellung würde es nur einmal in Deutschland geben, genau wie die Sonnenfinsternis im Jahr zuvor. Aber meine Eltern blieben davon unberührt.

Für sie standen der Hannover-Trip und seine Kosten in keiner Relation zu dem möglichen Erkenntnisgewinn. Ich wurde mit halbgaren Argumenten vertröstet, man könne ja davon viel anderes Schönes machen und so toll sei die Expo schon nicht. Ich musste mich wohl oder übel damit arrangieren. Denn mich alleine in die Bahn zu setzen, das traute ich mich dann doch nicht, auch wenn ein Ticket für Kinder nur 29 DM kostete.[3] Als tatsächlich ein Mitschüler die Expo besucht hatte und er stolz die Fotos zeigte („Hier, das war in der Sauna im finnischen Pavillon“), rang ich um meine Fassung.

Für weite Teile der deutschen Öffentlichkeit wäre mein Frust dagegen unverständlich gewesen. Denn die Weltausstellung war verschrien als finanzielles Loch ohne Boden, deren Konzept nichts mit der Wirklichkeit gemein hätte. Schon als ein Jahr zuvor der Werbe-Jingle vorgestellt wurde,  komponiert von niemand Geringerem als den deutschen Elektropionieren von Kraftwerk, hagelte es Spott. 400.000 DM hatte er gekostet, selbst der NDR als Medienpartner lehnte es ab, das kurze Klangexperiment zu senden.[4]

Die Hannoveraner Bevölkerung hatte 1992 in einem Referendum knapp der Veranstaltung zugestimmt. Die Organisatoren mühten sich die Öffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen, ein Großteil der Pavillons wurde auf dem Messegelände gebaut, wo die Nachnutzung von Anfang an gesichert schien. Um das Konzept zu charakterisieren wurde ein Begriff gebraucht, der damals noch vielen unbekannt war: „Nachhaltigkeit.“[5]

Mit großem Pomp erfolgte am 1. Juni die Eröffnung durch Bundeskanzler Gerhard Schröder, der zuvor bereits als niedersächsischer Ministerpräsident mit dem Projekt vertraut gewesen war. Auf 40 Millionen Besucher hofften die Organisatoren in Hannover, 155 Nationen präsentierten sich in Form individueller Pavillons. „Mensch, Natur und Technik – eine neue Welt entsteht“, so das Motto. Der technische Fortschritt am Beginn des dritten Jahrtausends und die damit verbundenen ökologischen Herausforderungen standen im Mittelpunkt und einige der Pavillons erhielten vielfältigen Beifall.

Schnell zum Wahrzeichen avancierte der „Expo-Wal“, für den diverse evangelische Organisationen verantwortlich zeichneten. Ebenso ein Hingucker: Der nach außen hin offene niederländische Pavillon, der auf mehrere Ebenen verschiedene Flora zeigte. Einen besonders guten Überblick konnte man sich aus einer der gelben Gondeln der Seilbahn verschaffen, die über das Ausstellungsgelände fuhr.

Noch heute in Benutzung: Der „Expo-Wal“
(QUELLE: Manfred Röben, CC-BY-SA DE 3.0, SIEHE: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8f/Pavillon_of_Hope_%28Manfred_R%C3%B6ben%29.jpg)

Trotz aller Innovation überwogen schnell negative Schlagzeilen, die erwarteten Besuchermassen blieben aus. Neben den Eintrittspreisen, die im Vergleich zu heutigen Tickets für Freizeitparks, Konzerte oder Sportereignisse moderat wirken, führte wahrscheinlich das schlechte PR-Management zum finanziellen Desaster, wie schon während der Weltausstellung das „Manager Magazin“ bilanzierte: „Eine Schar hochkarätiger Manager versagte, andere waren schlichtweg überfordert, und die Politik schaute zumeist weg. So wurde die Expo zu einem Lehrstück, wie kollektiver Starrsinn nahtlos in Missmanagement übergehen kann.“[6]

Als wäre das alles nicht schon genug an negativer PR gewesen, verewigte sich zudem einer der (zunächst) wenigen Expo-Besucher besonders denkwürdig, denn Ernst August von Hannover ließ sich dazu hinreißen, die blaublütige Blase am türkischen Pavillon zu entleeren. Dummerweise hielten Paparazzi die Szene für die Allgemeinheit fest. Der anschließende Kleinkrieg, den sich der Welfe mit der Bildzeitung über mehrere Tage lieferte, bewegte die Öffentlichkeit weit mehr als die Ausstellung selbst.

Es gelang den Organisatoren nicht, ein klares Konzept zu vermitteln. Das Design vieler Pavillons und die innovative Herangehensweise an Chancen und Probleme der Zukunft wurden allerorten gelobt. Es blieb unklar, ob die Expo „ein Vergnügungspark, ein großes Museum oder ein Naturreservat“ sein würde.[7]

Womöglich wurde der deutschen Weltausstellung auch zum Verhängnis, dass es hierzulande keine gewachsene Tradition für ihr Format gab. Die rauschenden Expos der Nachkriegszeit, etwa in Brüssel 1958 oder Sevilla 1992 waren hierzulande nur beiläufig wahrgenommen worden. Die Events, die auf das Hannoversche Intermezzo folgten, sollten ebenso wenig Resonanz in Deutschland erfahren. Erst mit der Einführung von billigeren Abendtickets, einige Wochen nach dem Start der Expo, stiegen die Besucherzahlen an und minderten das Minus leidlich.

Als allmählich in Hannover die Blätter von den Bäumen fielen und die Tage kürzer wurden, war es längst klar, dass tiefrote Zahlen unter der Budgetplanung stehen würden. Das Land Niedersachsen und der Bund versuchten, dem jeweils anderen möglichst viel der ausstehenden Gebühren aufzubürden. Am Ende musste buchstäblich nur noch alles raus: Schon Mitte Oktober, zwei Wochen vor dem Ende der Expo, begann der große Ausverkauf. Auf Versteigerungen konnte alles erworben werden. Von der Schreibtischplatte der Expo-Generalkommissarin Birgit Breuel über riesige Zeltdächer bis hin zu kompletten Restaurants, die finanziell nur knapp über die Runden gekommen waren, war alles zu haben.[8] Die bittere Bilanz: 18 Millionen Besucher kamen statt der geplanten 40 Millionen, das Minus belief sich auf 1,1 Milliarden DM.

Heute gibt das ehemalige Gelände ein sonderbares Bild ab, die Pavillons der Nationen variieren in ihrem Zustand stark. Einige von ihnen wurden nach Ende der Weltausstellung abgebaut und fanden in ihrem Heimatland eine neue Verwendung, unter anderem Portugal, Italien und Irland verfuhren so. Manche Gebäude sind heute noch in Benutzung und beherbergen Unternehmensfilialen oder Eventlocations.

Wiederum andere bilden nur noch eine traurige Kulisse: Litauens Pavillon, der seinem Aussehen nach einem umgekippten Briefkasten gleicht, steht seit 20 Jahren leer und ist zweimal ausgebrannt, inzwischen hat sich offenbar ein Käufer gefunden. Der bewunderte Pavillon der Niederlande ist ebenfalls ohne Nutzung und leidet unter Vandalismus. Nach zwei Jahrzehnten Leerstand steht seine Weiterverwendung nun endlich wieder auf der Tagesordnung der Baubehörde: In Kürze sollen dort Gastronomen, Studios und Büros Einzug halten, gegenüber soll Platz für insgesamt 380 Miniapartments entstehen.[9] Der türkische Pavillon verfällt allerdings weiterhin – vielleicht könnten die Welfen mit etwas finanzieller Unterstützung eine Renovierung einleiten.

Einige Enthusiasten, die sich die Euphorie des Jahres 2000 bewahrt haben, erinnern im Verein „Exposeeum“ an die Weltausstellung. Nach Ende der Veranstaltung richteten sie ein Museum ein, das den Geist dieses Sommers bewahren sollte. Vollmundig heißt es auf seiner Website: „Die EXPO2000 hat unter der Überschrift „Fremde werden Freunde“ ein neues Bild Deutschlands in der Welt als freundliches, aufgeschlossenes, tolerantes und auch zum Feiern fähiges Land geprägt. […] Die Vielfalt der Völker war unmittelbar greifbar in Hannover im Jahr 2000. Die Menschen haben den Schritt von der Theorie zur Praxis, vom „könnte“ und „sollte“ zum „ist“ getan.“[10] Im Alter von zehn Jahren hätte ich es wohl kaum anders formuliert.


[1] https://genius.com/Thees-uhlmann-was-wird-aus-hannover-lyrics, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[2] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/expo-2000-zaehne-zusammenbeissen/146048.html zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[3] http://szag.de/ticket.htm zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[4] https://www.welt.de/print-welt/article576187/Expo-Spot-wird-verspottet.html, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[5] https://www.zeit.de/wirtschaft/2010-06/expo-hannover/komplettansicht, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[6] https://www.manager-magazin.de/print/mm/d-17440478.html, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[7] http://content.time.com/time/world/article/0,8599,2051112,00.html, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[8] https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17596398.html, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[9] https://www.neuepresse.de/Mehr/Bauen-Wohnen/Gewerbeimmobilien/Der-Baustellencheck, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

[10] https://www.expo2000.de/index.php/der-verein-exposeeum/ziele-des-exposeeums.html, zuletzt aufgerufen am 25.10.2020, 14.00 Uhr.

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