Der Lärm nach dem Schuss

Die bundesdeutsche Geschichte lässt sich nicht ohne die terroristische Rote Armee Fraktion (RAF) erzählen. Insbesondere in den 1970ern hielt sie Sicherheitsbehörden und Bevölkerung in Atem. Heute vor 50 Jahren forderte ihr Wirken das erste Todesopfer in ihren Reihen. Ein Wendepunkt auf dem Weg zur Eskalation – Von Florian Tropp

Schauplatz der Ereignisse: Die Reineckestraße in Hamburg-Bahrenfeld

Die Reineckestraße in Hamburg-Bahrenfeld. Viel los war hier eigentlich selten. Sie liegt unauffällig zwischen der Autobahnauffahrt zur A7 und den Hauptverkehrsadern. Am 15. Juli 1971 aber stand sie plötzlich im Blickfeld der westdeutschen Öffentlichkeit.

Viele aus der dortigen Nachbarschaft dürften an diesem Tag zusammengezuckt sein. Von fern ist am frühen Nachmittag Lärm zu hören gewesen, der allmählich näher gekommen ist. Nun ist es still. Plötzlich wieder Hektik. Polizisten rennen durch die enge Gasse. Einer schreit: „Mädchen, mach keinen Quatsch, gib auf!“[1] Schüsse fallen, dann herrscht wieder Stille. Eine junge Frau liegt tot auf dem Pflaster. Sie heißt Petra Schelm und ist das erste Todesopfer aus Reihen der RAF – in dem von ihr selbst ausgerufenen Kampf.

Es war die frühe Zeit der militanten Gruppe von links, nach der damals unter dem Namen „Baader-Meinhof-Gruppe“ gefahndet wurde. Lange noch vor Stockholm, Stammheim und Mogadischu. Bedeutende Teile der Bevölkerung nahmen die Gruppierung noch als Vereinigung romantischer Outlaws wahr, die als moderne Robin Hoods gegen Staat und Kapital kämpften. Eine Allensbach-Umfrage von 1971 kam zu dem Ergebnis, dass jede zehnte befragte Person in Norddeutschland den Gesuchten für eine Nacht Unterschlupf gewähren würde.[2]

Erst im Jahr zuvor war die RAF erstmals ins Licht der Öffentlichkeit getreten. Andreas Baader, verurteilt wegen eines Brandanschlags auf ein Frankfurter Kaufhaus, war mit Waffengewalt aus der Haft befreit worden. Die Aktion, die drei Verletzte forderte, kann als Geburtsstunde der Vereinigung gesehen werden. Anschließend hatten Baaders Gleichgesinnte und er im Nahen Osten eine Grundausbildung im bewaffneten Kampf erhalten. Zurück in der Bundesrepublik, legte sich die junge RAF eine „Kriegskasse“ zu: Gemeinsam mit der Bewegung 2. Juni erfolgte ein Überfall auf drei Banken in Westberlin. Allmählich wurde die Terrorgruppe bekannter und schärfte ihr PR-Profil. Bald war ihr Logo in der Bevölkerung bekannt: Ein fünfzackiger Roter Stern, hinter der Maschinenpistole MP5 von Heckler & Koch. Parallel dazu skizzierte die RAF ihre politischen Ziele und Strategien.

Im Pamphlet „Das Konzept Stadtguerilla“ stellte die ehemalige Journalistin Ulrike Meinhof die Marschroute im April 1971 unmissverständlich klar: „Wir behaupten, dass die Organisierung von bewaffneten Widerstandsgruppen zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik und Westberlin richtig ist, möglich ist, gerechtfertigt ist. Dass der bewaffnete Kampf als ‚die höchste Form des Marxismus-Leninismus‘ (Mao) jetzt begonnen werden kann und muss, dass es ohne das keinen antiimperialistischen Kampf in den Metropolen gibt.“[3] Damit war dem Staat der Krieg erklärt. Hamburg sollte sich darin zu einem Hauptschauplatz entwickeln.

Die Hansestadt und die Geschichte der Roten Armee Fraktion sind eng miteinander verbunden. Hier lebte Meinhof lange Jahre im schicken Blankenese. Holger Meins, später Opfer eines Hungerstreiks der RAF-Inhaftierten, kam ebenfalls aus Hamburg. Petra Schelm dagegen lebte in Westberlin. Sie musste in der RAF darum kämpfen, ernstgenommen zu werden, über sie und ihr kurzes Leben ist nicht allzu viel bekannt.

Sie war eher eine Quereinsteigerin ins linke Milieu und hatte keinen akademischen Hintergrund, sondern das Handwerk der Frisörin erlernt. Zur RAF kam sie über ihren Partner Manfred Grashof, der vor dem Wehrdienst in die Mauerstadt getürmt war. Grashof stand in Kontakt zum Anwalt Horst Mahler, der Ende 1969 die Formierung der RAF forcierte. Schelm trauten die übrigen Terroristen offenbar zunächst nicht, sie wurde als Sicherheitsrisiko betrachtet.[4]

Nicht nur unter den selbst ernannten Freiheitskämpfern musste sie um Akzeptanz kämpfen. Auch sonst kollidierte ihr Lebensentwurf mit den biederen Realitäten der frühen 70er Jahre. Besonders ihre Eltern fremdelten mit dem Lebenswandel ihrer Tochter, die sich für die Hippiekultur begeistern konnte. Als sie Grashof heiraten wollte, verweigerten sie dem Anliegen ihre Unterstützung.

Vater Schelm erklärte später in einem Interview, der Schwiegersohn in spe habe sich beim Gespräch zur möglichen Hochzeit keinesfalls ungebührlich verhalten. Er habe aber schlicht „keinen verkommen aussehenden Schwiegersohn“ akzeptieren können.[5] Schelm folgte dem Irrweg in die Illegalität. Ihr Gesicht war weniger prominent als das von Baader, Meinhof oder Ensslin. Dennoch war sie sowohl beim Aufenthalt im Nahen Osten dabei als auch an den Banküberfällen beteiligt.

Dass Schelm nur eine Randfigur war, so wirkt es ebenso in „Der Baader-Meinhof-Komplex“, der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Stefan Aust aus dem Jahr 2008. Die von Alexandra Maria Lara gespielte Schelm hat keinen einzigen Satz im Skript. Das Setting rund um ihre Todesumstände ist allerdings wenig akkurat: Offensichtlich erlag die Regie der Versuchung, Hamburg maritim zu inszenieren. Weder fand die Schießerei tatsächlich auf einer Brücke statt, noch erfolgten Verfolgungsjagd und Todesschuss in Wassernähe. Die misslungene Flucht per Auto entspricht allerdings der Realität.

Für den 15. Juli 1971 hatte die Polizei eine Großaktion geplant. Im gesamten norddeutschen Raum errichtete sie Straßensperren und führte Kontrollen auf der Suche nach RAF-Angehörigen durch. Besonders im Fokus waren dabei Fahrzeuge des Herstellers BMW. Diese waren bei den Gesuchten dermaßen beliebt, dass sich im Volksmund der Witz verbreitete, die Abkürzung stünde für „Baader-Meinhof-Wagen“.[6] Das Münchener Unternehmen machte sich dies übrigens 1973 für eine Werbekampagne zunutze. Slogan für den BMW 525: „Die Revolution von oben – Er sprengt die bestehende Klassenordnung.“[7]

In einem BMW-Fahrzeug dieses Typs gingen Schelm und Hoppe in die Falle (Quelle: Beemwej, CC-BY-SA DE 3.0, 2002_ti_PL.JPG (2048×1536) (wikimedia.org))

Mit einem BMW 2002 ti sind Schelm und Werner Hoppe an jenem Tag in Hamburg unterwegs. Um 14.15 Uhr will die Polizei sie in Bahrenfeld kontrollieren. Womöglich in einer Kurzschlusshandlung gibt Schelm Gas, die Polizei reagiert umgehend. Ein Peterwagen überholt den BMW, stellt sich quer und bremst die Geflüchteten aus. Chaotische Szenen, schon fallen die ersten Schüsse, laut Polizei aus den Waffen der beiden BMW-Insassen. Alle gehen ins Leere.

Hoppe und Schelm flüchten zu Fuß weiter und entkommen der Staatsmacht zunächst. Über eine Kreuzung setzen sie sich in die Reineckestraße ab. Hoppe rennt weiter, Schelm versteckt sich in einer Hofeinfahrt. Die Konfrontation scheint vorerst beendet, auch Petra Schelm selbst wittert scheinbar ihre Chance und kommt aus ihrem Versteck. Ein Mantel über dem Arm verbirgt ihre belgische FN-Pistole. Als Polizisten sie entdecken, könnte sie einfach aufgeben. Doch sie eröffnet den finalen Schusswechsel. Eine Kugel trifft sie unterhalb des linken Auges, laut einem Passanten leistet niemand Erste Hilfe.[8] Hoppe wird wenige Meter weiter verhaftet. Im Chaos des Tages kommt es derweil zu Irritationen.

Denn die Deutsche Presseagentur ging zunächst von einer anderen toten Terroristin aus: Sie vermeldete an jenem Tag den Tod von Ulrike Meinhof. Nach einigen Minuten hatte die dpa ihren Fehler korrigiert. Die Zeit grenzte derweil den Todesschuss treffend von vorherigen Ereignissen ähnlicher Art ab: „Der Fall Petra Schelm ist nicht dem Fall Ohnsorg [sic], die Tat des Hamburger Schützen nicht der seines Berliner Kollegen Kurras vergleichbar. Wer hier von politischem Mord redet, setzt sich dem Verdacht aus, daß er den Tod jedes Polizisten für einen Gewinn hält.“[9]

Wie später auch bei anderen ums Leben Gekommenen, stilisierte die RAF Schelm zur Märtyrerin für ihre Sache. Sie wurde zur Namensgeberin für eine ihrer Anschlagsoperationen. Als am 11. Mai 1972 auf dem Gelände des Hauptquartiers des V. Korps der US-Streitkräfte in Frankfurt mehrere Bomben hochgingen und ein Offizier ums Leben kam, bekannte sich dazu die RAF unter dem Namen „Kommando Petra Schelm“. Es war Teil der sogenannten Mai-Offensive im Frühjahr 1972, die Aktionen wurden immer brutaler.

Für den Tod von Schelm hatte sich die RAF schon im Herbst 1971 in Hamburg auf blutige Art „revanchiert“: Bei einer Personenkontrolle am 22. Oktober vor dem Alstertal-Einkaufszentrum fielen erneut Schüsse in der Hansestadt. Kurz darauf war Polizeimeister Norbert Schmid tot. Es war der erste Mord der RAF gewesen. Keine Propaganda konnte mehr ihr verbrecherisches Antlitz verhüllen. Noch über 30 weitere Male sollte sie Menschen das Leben nehmen. Schelms Freund Grashof wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem er den Polizisten Hans Eckhardt erschossen hatte. Die Gewaltspirale drehte sich immer schneller. Auch Petra Schelms Weg hätte höchstwahrscheinlich im Gefängnis geendet.

Denn nach den intensiven Fahndungen der Polizei saßen ab Mitte 1972 praktisch alle Köpfe der RAF hinter Gittern. Anders als die erste Generation der Terroristen, die noch eindeutige Ziele, wie die Beendigung des US-amerikanischen Militäreinsatzes in Vietnam verfolgte, sollte die zweite Generation ihren Sinnzweck nur noch aus der Befreiung der bereits Inhaftierten herleiten.[10] In der Reineckestraße dagegen tat sich in all den Jahren nicht viel.

Heutiges Gedenken an den Tag im Juli ´71 sucht man als Interessierter hier vergebens. Kein Gedenkstein oder eine Plakette an der Hauswand erinnern an diesen Wendepunkt der Nachkriegszeit. Es herrscht wieder Stille in der schmalen Gasse. Genau wie vor den Schüssen im Sommer vor 50 Jahren.

Literatur und Quellen:


[1] Kennwort Kora. In: Der Spiegel. Nr. 30. 1971. S. 28-31. Hier: S. 29.

[2] Politische Überzeugung. In: Der Spiegel. Nr. 31. 1971. Online zu finden unter: https://www.spiegel.de/politik/politische-ueberzeugung-a-1f1c34cd-0002-0001-0000-000043176660?context=issue, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[3] Das Konzept Stadtguerilla. Siehe: https://socialhistoryportal.org/sites/default/files/raf/0019710501_7.pdf, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[4] https://www.spiegel.de/geschichte/anfaenge-der-raf-a-947270.html, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[5] Aust, Stefan. Baader-Meinhof-Komplex. München. 2020. S. 309.

[6] Stern, Klaus. Terrorist ohne Führerschein. Siehe: https://www.spiegel.de/geschichte/raf-a-948479.html, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[7] https://www.zeit.de/auto/2012-02/bmw-5er-auto-klassiker/komplettansicht, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[8] Kennwort Kora. In: Der Spiegel. Nr. 30. 1971. S. 30.

[9] „Die Jagd geht weiter…“ In: Die Zeit. Nr. 30. 1971. Online verfügbar unter: https://www.zeit.de/1971/30/die-jagd-geht-weiter, zuletzt aufgerufen am 15. 7. 21, 9.00 Uhr.

[10] Glaab, Sonja. Die RAF und die Medien in den 1970er Jahren. In: Dies (Hg.). Medien und Terrorismus. Auf den Spuren einer symbiotischen Beziehung.. Berlin. 2007. S. 31-51. Hier: S. 36.

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