Ein Lost Place erwacht

Heute vor 90 Jahren verließ die liberale jüdische Gemeinde Hamburgs endgültig ihren Tempelbau in der Poolstraße. Der Bau, in dem fast ein Jahrhundert lang der Gottesdienst gefeiert wurde, geriet in Vergessenheit. Heute ist von dem Gebäude nur noch wenig übrig. In jüngster Zeit hat sich die Stadt Hamburgs endlich der Bewahrung der Reste angenommen. – Von Florian Tropp

Alt und trutzig: Die Reste des Israelitischen Tempels im Januar 2019

Der Autor dieser Zeilen hatte nur vage von dem Bauwerk gehört, als er in der Gegend unterwegs war. Hier in der Poolstraße in Hamburgs Neustadt sollte ein historischer Bau stehen, von der Umgebung fast vergessen. Tatsächlich erschien es fragwürdig, dass sich vor Ort einst ein Zentrum jüdischen Lebens in der Hansestadt befunden haben sollte. Durch einen weißen Torbogen führte der Weg in einen Innenhof. Hier herrschte an diesem Januartag 2019 eher die Atmosphäre eines Schrottplatzes vor.

Denn im Hof war eine Autowerkstatt beheimatet, viele Europaletten, einige Müllcontainer und etwas Gerümpel standen herum. Ein Backsteinbau krönte die Szenerie. Nur wenige Fenster waren in das Gebilde eingelassen. Ein halbkreisförmiger Ausschnitt verlieh ihm eine eigenwillige Note. Auf seinem Dach wuchsen Bäume. Er ragte als aus der Zeit gefallenes Objekt in den grauen Himmel der Hansestadt.

Einst war hier viel mehr los gewesen. Im Israelitischen Tempel feierte die liberale jüdische Gemeinde ihre Gottesdienste und Feste. Fast ein Jahrhundert war dies der Fall. Und heute vor 90 Jahren, am 31. August 1931, wurde der Tempel verlassen. Die Gläubigen zogen weiter in die Synagoge in der Oberstraße, unweit des heutigen Landesfunkhauses des NDR. Der alte Bau geriet in Vergessenheit – kaum vorstellbar angesichts seiner vormaligen Bedeutung für die jüdische Bevölkerung.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte in Hamburg eine der größten Gemeinden existiert: Etwa 6.000 Personen, also 5 bis 6% der Gesamtbevölkerung, gehörten ihr an.[1] Damit war sie so groß geworden, dass sich verschiedene Strömungen abzeichneten, die ihre eigenen Ideen vom jüdischen Glauben postulierten.

Eine davon war das liberale Judentum, das mit vielen Mustern im Gottesdienst brach, die ihr als überholt erschienen. Moshe Navon, heute Landesrabbiner der Liberalen bringt die Unterschiede zum klassischen Brauchtum auf den Punkt: „In unserem Gottesdienst wird auch deutsch gebetet. Musik spielt eine große Rolle, und schon vor 200 Jahren wurde das Gebetbuch theologisch überarbeitet und von manchen in früheren Jahrhunderten hinzugekommenen Auslegungen befreit.“[2] 1817 konstituierte sich die „Neue Israelitische Tempel-Gemeinde“, der alsbald in der südlichen Neustadt Gottesdienste abhielt.

Gewisse Parallelen zum Gestus evangelischer Liturgie sind dabei unverkennbar: Nicht nur, dass der Gottesdienst in der Volkssprache abgehalten wurde und eine Orgel spielte: Der Prediger und Pädagoge Eduard Kley forcierte gar die Abhaltung einer Konfirmation anstatt der bisherigen Bar Mitzwa. So bestand zwar eine innere Bindung der Jugendlichen an die jüdische Gemeinschaft, weniger aber an konkrete Rituale. Hier offenbarte sich eine neue urbane jüdische Identität, die sich an einem säkular-bürgerlichen Ideal jener Zeit orientierte.[3]

Auch Frauen wurden stärker in den religiösen Bereich eingebunden. Der jüdische Gelehrte Peter Beer, ein Verfechter des liberalen Kurses, fragte 1837 rhetorisch, ob „diese wichtige Hälfte des menschlichen Geschlechts“ weiterhin in der „geistigen Sklaverei“ bleiben solle. Schließlich sei sie inzwischen „nicht nur in bürgerlicher, sondern auch in religiöser Beziehung emanzipiert“.[4] Nicht überall stießen solche progressiven Ideen auf Gegenliebe.

Die jüdische Orthodoxie in der Hansestadt war nämlich ganz und gar nicht begeistert. Beim Senat protestierten 40 traditionelle Rabbiner schriftlich gegen die Anerkennung der neuen Glaubensströmung. Die städtischen Würdenträger aber ließen sich nicht umstimmen und traten nicht gegen die Aktivitäten der Tempel-Gemeinde ein.[5]

Reste eines Reliefs in der alten Apsis

Der Erfolg gab den Pionierinnen und Pionieren Recht. Denn schnell war das alte Gebäude zu klein für die prosperierende Gemeinschaft geworden. An der Poolstraße sollte eine neue Heimat entstehen. 1844 trafen sich hier erstmals Menschen zum Gottesdienst. Das Erscheinungsbild des Tempels war außergewöhnlich für seine Zeit. In ihm kamen maurische sowie klassizistisch-neogotische Elemente zusammen. Besonders war aber auch das große Eingangstor, durch das weibliche und männliche Gläubige gleichermaßen zum Gottesdienst einzogen. Sie saßen zwar nicht nebeneinander, doch waren sie nicht mehr durch eine Sichtblende voneinander getrennt. Im Saal fanden in den Sitzreihen im Erdgeschoss 380 Männer Platz, bis zu 260 Frauen fanden auf der Galerie über ihnen Platz.[6]

Auch anderswo entstanden in den folgenden Jahrzehnten neue Zentren jüdischen Lebens in der Hansestadt. 1906 wurde die Bornplatzsynagoge eingeweiht, in der weiterhin nach orthodoxem Ritus gefeiert wurde. Nur wenige Meter entfernt bestand bereits seit 1895 die Dammtorsynagoge. Trotz des Miteinanders der jüdischen und der christlichen Bevölkerung blieb der Antisemitismus in Deutschland aber virulent.

Im Ersten Weltkrieg war das Stereotyp vom jüdischen Drückeberger in der Bevölkerung weit verbreitet. Das deutsche Heer strengte gar eine statistische Erhebung an, um den Anteil jüdischer Soldaten zu belegen. Die Ergebnisse, die das judenfeindliche Klischee entkräfteten, blieben freilich unter Verschluss. Demonstrativ beging die liberale Gemeinde Hamburgs in diesem Klima am 16. Februar 1919 die Gedenkfeier für ihre im Krieg Gefallenen. Der Chor sang für 82 Männer aus ihrer Mitte, die in Ausübung ihres Dienstes „für Kaiser und Vaterland“ im Feld geblieben waren.[7] Das gesellige Miteinander im Tempel in der Poolstraße war bald darauf vorbei. Denn wenige Jahre danach begann die Suche nach einer neuen Synagoge. Am 31. August 1931 wurde der neue Bau in der Oberstraße eingeweiht. [8] Niemand der Anwesenden konnte ahnen, dass nur anderthalb Jahre später das Unheil des „Tausendjährigen Reichs“ über sie hereinbrechen sollte.

Während jüdisches Leben ab 1933 in der Hansestadt immer weiter zurückgedrängt wurde und die Bevölkerung Stück für Stück entrechtet wurde, war der alte Tempel zum Magazin umfunktioniert worden. 1937 musste die Gemeinde den Bau auf Druck der NS-Behörden unter Wert verkaufen.[9] Für den Erhalt des Gebäudes sollte sich der Umzug nach Harvestehude aber zunächst als Glücksfall erweisen: Als in der Reichspogromnacht 1938 Horden der SA und ihre Mitläufer die Synagoge im Grindelviertel und auch den neuen Gebetssaal an der Oberstraße verwüsteten, blieb der Bau an der Poolstraße davon unberührt. Fatalerweise war es ein Treffer bei einem Luftangriff der Alliierten, der das Gebäude, bis auf die heutigen Reste, 1944 zerstören sollte.

Als Krieg und Holocaust vorüber waren, interessierte sich scheinbar niemand mehr für die Bauten an der Poolstraße. Das liberale jüdische Miteinander in Hamburg war ausgerottet worden. Die wenigen Jüdinnen und Juden, die noch in Hamburg lebten, erhielten 1960 ein neues Zentrum: die Synagoge an der Hohen Weide. Unter dem Dach des Gotteshauses kamen Angehörige aller verschiedenen Strömungen des jüdischen Glaubens zusammen. „Das war eine typische Entwicklung der deutschen Nachkriegsgeschichte: Da es nach der Shoah nur noch wenige Juden gab, wurden ‚Einheitsgemeinden‘ eingerichtet“[10], stellt Miriam Rürup fest. Die Historikerin leitete viele Jahre das „Institut für die Geschichte der deutschen Juden“ in Hamburg. Rürup steht heute dem Verein „TempelForum“ vor, der sich den Erhalt der Überreste in der Poolstraße zum Ziel gesetzt hat.

Denn im 21. Jahrhundert fiel der öffentliche Blick endlich wieder auf das alte Ensemble. Private Initiativen regten den Erhalt des alten Tempels an. Es war allerhöchste Zeit, die Flora bemächtigte sich allmählich des Baus. 2003 waren die Reste zumindest von der Kulturbehörde unter Denkmalschutz gestellt worden.[11] Im Jahr darauf konstituierte sich in Hamburg wieder eine liberale jüdische Gemeinde, die schnell von nur zwölf auf 350 Mitglieder wuchs. Ihr Weg zur Anerkennung blieb aber steinig, die kleine Gruppe konnte ihrem Anliegen kaum Gehör verschaffen.

Erst 2020 erfolgte dann der endgültige Durchbruch: Die Stadt kaufte das Gelände. Was dort in naher Zukunft entstehen soll, ist noch offen. In den Räumlichkeiten sollte zukünftig, laut Überlegungen Rürups, sowohl die Gemeinde Platz für Büros erhalten als auch eine Ausstellung Platz finden. Der Innenhof könnte überdacht werden und wieder für Gottesdienste genutzt werden. Wie all das umgesetzt werden soll, finanziell und logistisch, ist derzeit noch offen. Ziel soll es sein, dass jüdisches Leben wieder präsent in der Poolstraße ist. So, wie es schon von 1844 bis 1931 gewesen ist.

Literatur:

  • Bergmann, Werner. Tumulte – Excesse – Pogrome. Kollektive Gewalt gegen Juden in Europa 1789-1900. Göttingen. 2020.
  • Lässig, Simone. Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert. Göttingen. 2004. S. 252.
  • Dies Religiöse Modernisierung. Geschlechterdiskurs und kulturelle Verbürgerlichung. Das deutsche Judentum im 19. Jahrhundert. In: Heinsohn, Kirsten; Schüler-Springorum, Stefanie (Hgg.). Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte. Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen. 2006. S. 46-87. Hier: S. 53.
  • Grabner-Haider, Anton; Davidowicz, Klaus S., Prenner, Karl (Hgg.). Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Göttingen. 2015. S. 173.

[1] Bergmann, Werner. Tumulte – Excesse – Pogrome. Kollektive Gewalt gegen Juden in  Europa 1789-1900. Göttingen. 2020. S. 173.

[2] https://www.abendblatt.de/hamburg/article212786087/Die-juedische-Reformation-in-Hamburg.html, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

[3] Lässig, Simone. Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert. Göttingen. 2004. S. 252.

[4] Dies Religiöse Modernisierung. Geschlechterdiskurs und kulturelle Verbürgerlichung. Das deutsche Judentum im 19. Jahrhundert. In: Heinsohn, Kirsten; Schüler-Springorum, Stefanie (Hgg.). Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte. Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen. 2006. S. 46-87. Hier: S. 53.

[5] Grabner-Haider, Anton; Davidowicz, Klaus S., Prenner, Karl (Hgg.). Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Göttingen. 2015. S. 173.

[6] https://taz.de/Historikerin-ueber-Synagogen-und-Tempel/!5764909/, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

[7] https://digitalisate.sub.uni-hamburg.de/de/nc/detail.html?tx_dlf%5Bid%5D=5439&tx_dlf%5Bpage%5D=3&tx_dlf%5Bdouble%5D=0&cHash=4c2bd30c7565289fc6066d037f595dd2, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

[8] https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/von-der-hansestadt-in-die-welt/, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 9.00 Uhr.

[9] https://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/14740448/stadt-kauft-ehemaligen-israelitischen-tempel-poolstrasse/, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

[10] https://taz.de/Historikerin-ueber-Synagogen-und-Tempel/!5764909/, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

[11] https://www.abendblatt.de/hamburg/article106720173/Synagogen-Ruine-unter-Denkmalschutz.html, zuletzt aufgerufen am 31. 8. 21, 6.00 Uhr.

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