Als der Fußball in Deutschland erstmals rollte

Derzeit ruht das runde Leder, das Coronavirus hat den Fußball fest im Griff. Das Innehalten bietet Gelegenheit zum Blick auf ein vergessenes Jubiläum: Denn vor 140 Jahren wurde in Deutschland erstmals gegen den Ball getreten. Die Spur führt nach Bremen und wirft ein Schlaglicht auf die Entwicklung des Sports. – Von Florian Tropp

Fußball ist heute vielleicht das letzte Massenphänomen unserer Gesellschaft. In einer Zeit immer stärkerer sozialer Segmentierung ist es eines der ganz wenigen Ereignisse, das Zuschauer aller Herkunft, politischer und religiöser Einstellung, gleichermaßen in seinen Bann zieht. Der Zuschauerschnitt der 1. Bundesliga liegt pro Spiel verlässlich bei über 40.000 Zuschauern.[1]

Längst ist der Fußball in der Mitte der Gesellschaft angekommen und auf Profiebene komplett kommerzialisiert. Der wilde Proletensport, als der er noch vor 30 Jahren galt, hat sich grundlegend gewandelt. Der Stadionbesuch ist heute komfortabel, die Spielkunst ausgefeilter als je zuvor, die Choreografien der Fanszenen so spektakulär wie nie. Bis hierher war es ein weiter Weg.

Als Mutterland des Fußballs gilt heute Großbritannien, wenngleich an vielen anderen Orten zuvor bereits gegen den Ball getreten worden war. Der spätere Ballsport glich dabei eher noch einer zünftigen Wirtshausschlägerei als einem fairen Ringen um Tore. An britischen Eliteschulen wurden im 19. Jahrhundert erstmals konkrete Regelwerke aufgestellt.

Bei Aufeinandertreffen von Schülerteams aus Eton und Rugby in Cambridge war es zu Unstimmigkeiten gekommen. Der Zeitzeuge Henry Charles Malden beschrieb 50 Jahre später, dass die Spieler aus Eton jene aus Rugby anschrien, da sie stets den Ball in die Hände nahmen. Also trafen sich Repräsentanten beider Schulen und arbeiteten ein erstes Regelwerk aus.[2] Diese „Cambridge Rules“ von 1848 legten fest, dass das Spielgerät – zumindest überwiegend – mit dem Fuß zu spielen sei, was als ein „Tor“ galt und auch das „Abseits“ fand sich bereits darin.

Rugby und der spätere Fußball bildeten noch eine enge Koexistenz, die erst 1863 enden sollte. Grund der Scheidung war hauptsächlich die Frage, wie robust der Sport gestaltet werden sollte: Viele der feinen Gentlemen, die von den besten britischen Hochschulen kamen, fanden es absurd, dass fortan auf das rüde Treten gegen die Schienbeine des Gegners verzichtet werden sollte. Die Verfechter des Rugbys gingen fortan ihrer eigenen Wege, ihre Gegner frönten dem, was man nun „Association Football“ nannte und riefen die FA („Football Association“), ihren eigenen Verband, ins Leben.

Allmählich wurde der Spielbetrieb strukturierter und mehr und mehr Regeln verliehen dem Sport klare Grundlinien, Wettbewerbe forcierten den Leistungsgedanken. Eck- und Freistoß fanden bald Eingang ins Regelwerk, die Spielerzahl pro Mannschaft wurde auf elf begrenzt. Seit 1872 wird der FA Cup ausgetragen, dessen Finalisten sich seitdem jedes Jahr in London gegenüberstehen.

Es war im 19. Jahrhundert nur eine Frage der Zeit, bis britische Seeleute das populäre Spiel in die Welt tragen würden. Paradoxerweise war es allerdings die Schweiz, wo 1860 der erste Fußballklub außerhalb Großbritanniens gegründet wurde.[3]

Auch im Deutschen Reich fanden erste zaghafte Versuche statt, den Sport populär zu machen. Hier waren die Bedingungen jedoch ungleich härter als anderswo. Denn in Deutschland dominierte der Turnsport, der nicht einfach nur Zeitvertreib, sondern vielmehr Symbol des wilhelminischen Patriotismus war – auswärtige Sportarten galten dagegen als subversiv und verdächtig.

Wo zuerst gemäß den Regeln der FA auf deutschem Boden gegen den Ball getreten wurde, ist umstritten, angeblich im April 1874 in Dresden.[4] Seit Langem im Fokus ist ebenfalls Braunschweig; hier war es der Pädagoge Konrad Koch, der viele Jahre in Großbritannien gelebt hatte und den Sport seinen Gymnasiasten vorstellte. Ebenfalls haben Historiker Berlin als den Ort der deutschen Fußballpioniere im Blick, hier boten viele Exerzierplätze Raum zum Ballspiel.

Trotz alledem darf Bremen nicht vergessen werden. Inzwischen erscheint es gar sehr wahrscheinlich, dass in der Hansestadt erstmals in Deutschland wirklicher Fußball gespielt wurde – und eben keine Mischform aus Rugby und Fußball. Die Geschichte des ersten Bremer Klubs beginnt im Jahr 1880.[5]

Wie andernorts, waren es britische Seeleute, die hier den Fußball mitgebracht hatten. Und sie waren auch – mangels anderer lokaler Gegner – stets die Gegner des Bremer Football-Clubs. Die Quellenlage über den Verein ist leider recht dünn, die Hintergründe liegen „weitestgehend unter einem bislang kaum erforschten Berg regionaler Fußballhistorie begraben […].“[6] Über viele Umstände lässt sich dabei nur mutmaßen und zur Rekonstruktion müssen die Umstände an anderen Orten als Vergleich herangezogen werden.

So dürften die Spieler im Bildungsbürgertum verwurzelt und noch im jugendlichen Alter gewesen sein. Oftmals, wie schon im Falle des Braunschweigers Konrad Koch, begeisterten weitgereiste Lehrer ihre Schüler für den neuen Sport aus England. Von seiner gesellschaftlichen Akzeptanz war der Fußball jedoch noch weit entfernt, in weiten Teilen des Bürgertums herrschte Skepsis gegenüber dem „undeutschem“ Spiel.

Viele der Söhne aus gehobenem Hause traten daher damals unter Pseudonym gegen die Lederkugel. Einige der ersten DFB-Nationalspieler sollten noch unter Decknamen auflaufen, so der Magdeburger Ernst Langmeier als „Ernst Jordan“, der Hamburger Kicker Hermann Ehlers firmierte unter dem Nachnamen „Garrn“. So umgingen die Spieler Sanktionen ihrer jeweiligen Schulleitung, denn an vielen Bildungseinrichtungen war der Fußballsport den Schülern grundsätzlich untersagt.

In Bremen dürfte dies in den 1880er Jahren nicht viel anders gewesen sein, wenngleich Fußball noch zu unbekannt gewesen sein mag, um als derart verpönt zu gelten. Spielort war die Schweineweide unweit der Stephanikirche. Die Gegend ist heute ein Industrieviertel nahe des Europahafens.[7]

Irgendwann in den Folgejahren benannte sich die kleine Truppe in „Fußballverein Bremen von 1880“ um und unterstrich so ihre Pionierrolle. In der Lokalpresse tauchte der Klub erstmals am 26. März 1886 auf, als die „Bremer Nachrichten“ ihn erwähnte. Dieser Notiz verdankt der Historiker einen der wenigen greifbaren Hinweise auf die Existenz der Bremer Kickergemeinschaft.[8]

Nach dem Vorbild des ersten Bremer Vereins gründeten sich in den 1890er Jahren weitere Klubs in der Hansestadt. Nicht auszuschließen ist dabei, dass Angehörige des FV Bremen 1880 jeweils ihr eigenes Know-How einbrachten. Über den Status einer bolzenden Schülertruppe verschiedener Gymnasien kam der FV von 1880 wohl nie hinaus.

Vereine wie der Bremer SC 1891, der FC Komet und vor allem Werder liefen den Vorreitern bald den Rang ab. Als 1899 der „Verband Bremer Fußball-Vereine“ aus der Taufe gehoben wurde, war der FV noch dabei. Im Jahr darauf kickten Werder und der FV nachweislich in einem Freundschaftsspiel gegeneinander. Als die wenigen Bremer Klubs aber erstmals 1902 eine Liga bildeten, fehlte der FV von 1880 bereits. Er teilt damit das Schicksal vieler anderer Vereine aus der wilden Frühzeit des deutschen Fußballs. Viele lose Vereinigungen lösten sich schnell wieder auf und sind heute nur noch bekannt, da sie einige wenige Spiele gegen Klubs absolvierten, die heute noch prominent sind.

Die Entwicklung des Fußballs, die die Bremer Veteranen mit angestoßen hatten, trug schon wenige Jahre darauf Früchte. Ab 1903 wurde im K.o.-System eine Deutsche Meisterschaft ausgetragen. Bereits 1913 gelang im Norden die Gründung einer Eliteklasse, der Teams aus den heutigen Bundesländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen angehörten, zu einem Zeitpunkt, als vielerorts in den höchsten Liga nur Mannschaften aus einem Umkreis von maximal 50 Kilometern spielten. Doch bis zur Gründung der Bundesliga sollte noch ein halbes Jahrhundert vergehen.

Literatur

  • Baroth, Hans Dieter. Als der Fussball laufen lernte. Essen. 1992.
  • Dunning, Eric; Curry, Graham. Public schools, status rivalry and the development of football. In: Dunning, Eric; Malcolm, Dominic; Waddington, Ivan. Sport Histories. Figurational Studies in the Development of Modern Sports. Routledge, New York. 2004. S. 31-53.
  • Grüne, Hardy. Legendäre Fußballvereine. Norddeutschland. Zwischen TSV Achim, Hamburger SV und TuS Zeven. Kassel. 2004.
  • Hoffmeister, Kurt. Der Wegbereiter des Fußballspiels in Deutschland. Prof. Dr. Konrad Koch 1846–1911. Eine Biografie. Braunschweig. 2011.
  • Schulze-Marmeling, Dietrich. Fußball. Zur Geschichte eines globalen Sports. Göttingen. 2000.

[1] https://www.dfb.de/bundesliga/statistik/zuschauerzahlen/, zuletzt aufgerufen am 23. März 2020 um 18.00 Uhr.

[2] Dunning, Eric; Curry, Graham. Public schools, status rivalry and the development of football. In: Dunning, Eric; Malcolm, Dominic; Waddington, Ivan. Sport Histories. Figurational Studies in the Development of Modern Sports. Routledge, New York. 2004. S. 31-53. Hier: S. 48.

[3] Schulze-Marmeling, Dietrich. Fußball. Zur Geschichte eines globalen Sports. Göttingen. 2000. S. 48.

[4] Hoffmeister, Kurt. Der Wegbereiter des Fußballspiels in Deutschland. Prof. Dr. Konrad Koch 1846–1911. Eine Biografie. Braunschweig. 2011. S. 32.

[5] Baroth, Hans Dieter. Als der Fussball laufen lernte. Essen. 1992. S. 35.

[6] Grüne, Hardy. Legendäre Fußballvereine. Norddeutschland. Zwischen TSV Achim, Hamburger SV und TuS Zeven. Kassel. 2004. S. 161.

[7] Ebd. S. 161.

[8] Ebd. S. 161.

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