Der Kolumbus aus Hildesheim

Christoph Kolumbus war der erste Europäer in Amerika, so steht es in den Schulbüchern. Dies ist gleich mehrfach infrage zu stellen: Nicht nur, dass Skandinavier bereits ein halbes Jahrtausend vor ihm Amerika erreichten. Auch zwei norddeutsche Seefahrer kamen ihm womöglich zuvor. – Von Florian Tropp

Hildesheim ist beileibe nicht das, was man als maritime Metropole bezeichnen würde. Bis zum Meer sind es 200 Kilometer Luftlinie, größtes Gewässer ist die Innerste, ein Zufluss zur Leine. Und dennoch nimmt eine große Seefahrergeschichte hier ihren Ausgang. Sie führt den Historiker bis Island. Oder sogar Grönland. Wenn nicht gar bis Amerika. Aber dazu später mehr.

Um 1430 erblickte jedenfalls Didrik Pining in Hildesheim das Licht der Welt. Moderne Historiker können wenig über seine frühen Lebensumstände sagen. Sicher ist nur, dass es ihn in Richtung Küste zog. Noch in jungen Jahren lernt er offenbar Hans Pothorst kennen, der ebenfalls aus Hildesheim stammte.[1] Beide waren begabte Seeleute und zunächst als Kaperer im Dienst der Stadt Hamburg tätig. Pothorst war offenbar ein kluger Netzwerker, seine guten Kontakte zu namhaften Hamburger Familien sind von der Forschung eindeutig belegt.[2]

Parallelen in den Biografien Pinings und der des Genuesen Kolumbus sind unverkennbar. Die Herkunft beider liegt weitestgehend im Dunkeln, über Pinings Abstammung weiß der Forscher sogar beinahe mehr als über Kolumbus‘, bei dem immer wieder neue Hypothesen über seine Herkunft aufgestellt wurden. So wurde dem Seefahrer in spanischen Diensten auch eine korsische, französische, spanische, katalanisch-jüdische oder portugiesische Herkunft unterstellt.[3]

Offenkundig ist, dass beide als Piraten in staatlichem Auftrag ihre Karrieren starteten, ehe sie auf Forschungsreisen geschickt wurden. Pining verdingte sich auf dänischen Schiffen und geriet in den Konflikt zwischen Dänemark und England. Denn die Flotten beider Staaten lieferten sich im 15. Jahrhundert einen erbitterten Kaperkrieg.

Vermutlich wäre heute – außer einigen Aktennotizen – kaum mehr etwas über Pining bekannt, wenn nicht über einhundert Jahre später der Kieler Bürgermeister Carsten Grypp dem dänischen König Christian III. einen höchst interessanten Brief geschrieben hätte. Der Dänenkönig war damals Herr über Teile Schleswigs und Holsteins und damit Grypps Dienstherr.

Ein Brief und seine Geschichte

Grypp erzählte im März 1551 in dem Schreiben, das vor allem den reichhaltigen Kieler Fundus an Atlanten und Globen zum Verkauf pries, auch von einer Geheimmission nach Grönland, auf die Pining und Pothorst in den 1470er Jahren geschickt worden sein sollen. Auf dem Gletscher Gunnbjørns Fjeld soll Pining sogar ein Seezeichen der dänischen Herrscher platziert haben. Kamen sie noch weiter?

Was wussten die Europäer vor Kolumbus überhaupt von Grönland und was von Amerika? Die größte Insel der Welt war um das Jahr 1000 von skandinavischen Siedlern besucht worden, die sich dort dauerhaft niederließen und eine Koexistenz mit den dortigen Inuit pflegten. Über den Nordatlantik hinweg hielt sich bis ins 15. Jahrhundert ein vager Kontakt mit dem dänischen Reich, zu dem auch Island und Norwegen zählten.

Grönland war in Europa nie vergessen worden, im Hochmittelalter war es gar kirchenrechtlich dem Erzbistum Hamburg-Bremen unterstellt.[4] Und dass dem skandinavischen Seefahrer Leif Eriksson definitiv schon 500 Jahre vor Kolumbus die Landung in Nordamerika gelang, soll hier selbstverständlich auch nicht verschwiegen werden.

Das fremde Land jenseits des Meeres

Über alles was jenseits der eisigen Insel lag, waren die Gelehrten sich uneins. Als die Kartografie im Spätmittelalter immer größere Fortschritte machte, wurde die Welt jenseits des Atlantiks fantasiereich illustriert. Hier zeigte sich ein buntes Mosaik „zwischen Mythos, Vermutung und Wissen, zwischen biblischen und antiken Vorstellungen.“[5]

Sagen und Folklore in verschiedenen Ecken der Alten Welt kennen noch andere vermeintliche „Entdecker“ Amerikas. Wie etwa den irischen Heiligen Brendan im 6. Jahrhundert, den walisischen Prinzen Madoc im 12. Jahrhundert oder auch den malischen Herrscher Abubakari II. zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Vom Pazifik aus sollen zudem die Polynesier Amerika erreicht haben. Einigermaßen anerkannt ist lediglich, dass englische Seeleute aus Bristol auf der Suche nach Fischgründen im 15. Jahrhundert dem amerikanischen Festland zumindest nahe kamen.[6]

Unterstützung soll die dänische Expedition aus Portugal bekommen haben. Keine andere Nation besaß damals mehr Know-How auf dem Gebiet der Seefahrt: Prinz Heinrich („der Seefahrer“) hatte die portugiesische Marine maßgeblich weiterentwickelt. Ihre Steuerleute drangen auf Karavellen so weit südlich vor, wie keine europäischen Segler zuvor. Sie nahmen für Portugals Krone die Azoren in Besitz und errichteten erste Stützpunkte an der westafrikanischen Küste.

1925 konstruierte der dänische Historiker Sofus Larsen dann einen Kontext aus Pinings Fahrten zur See und portugiesischer Welterkundung. Larsen vervollständigte seine Thesen in der Abhandlung „The discovery of North America twenty years before Columbus”. Demnach hätten Dänen und Portugiesen ihre Kräfte gebündelt: Auf der Nordmeer-Expedition unter Pining hätten die Skandinavier ihre Beziehungen zur Kolonie in Grönland wiederbeleben wollen, die Portugiesen suchten ihrerseits einen Seeweg in Richtung Indien. Zudem sei die Auffindung neuer Gebiete ein generelles Ziel des Unternehmens gewesen.

Alfons V. von Portugal stellte Pining den Adligen João Vaz Corte-Real zur Seite. Als Beleg dafür führte Larsen einen portugiesischen Chronisten des 15. Jahrhunderts an. Laut diesem sei Corte-Real später Gouverneur der Azoreninsel Terceira geworden und zwar als Belohnung für die Entdeckung des „Stockfischlandes“. Dieses wiederum identifizierte Larsen als Neufundland.[7] Demnach wären die Missionsteilnehmer also bis nach Amerika gelangt!

Angekommen in einem fremden Land

Die gesamte Geschichte stellt sich – schenken wir Larsen Glauben – wie folgt dar: Im Auftrag ihrer Könige brechen Pining/Pothorst und Corte-Real 1473 mit einer oder mehreren Karavellen in Richtung Norden auf. Island ist ihre letzte Station in der ihnen gut bekannten Welt. Der nächste Törn führt sie anschließend nach Grönland. Als sie weiter nach Nordwesten segeln und der Eisgang immer dichter wird, folgt eine radikale Kurswende nach Süden. Schließlich erblicken sie eine Küste und gehen vor Anker. Dieses Land wird man später einmal Labrador nennen, sie sind in Amerika – und haben selbst keine Ahnung davon.

Ob sich dies so zugetragen hat, darüber ist sich die Forschung seit Larsens Veröffentlichung vor knapp einhundert Jahren äußerst uneins. Rein technisch war die Reise durchaus möglich. Aber es gibt Verdachtsmomente, die nahelegen, dass die Geschichte Pinings und Pothorsts allzu sehr ausgeschmückt worden ist.

Briefe wie der von Kiels Bürgermeister Grypp stehen exemplarisch dafür, wie europäische Nationen versuchten, ihren Beitrag an der europäischen Vereinnahmung Amerikas herauszustellen. Kolumbus sollte übertrumpft werden und der eigene nationale Beitrag prominent in Szene gesetzt werden.[8]

Zudem ergab die Episode um die dänisch-portugiesische Expedition auch familiären Sinn: Corte-Reals Sohn Gaspar begab sich unzweifelhaft auf die nordatlantische Route in Richtung Neue Welt und bot der Erzählung Nahrung, er habe die Mission seines Vaters vollendet. Wie man es aber auch dreht und wendet und so schön diese Geschichte klingt: Dem heutigen Historiker fehlt der finale Beweis für die Ankunft Pinings und seiner Gefolgsleute in Amerika.[9]

Der Weg zum Mythos

Ganz gleich, ob Corte-Real sr., Pining und Pothorst nordamerikanisches Festland betraten, alle traten sie nach der etwaigen Mission wieder in den Dienst ihrer Landesherrn: Corte-Real als Gouverneur auf Terceira, Pining auf Island. Hans Pothorst segelte ebenfalls weiter unter dänischer Fahne und starb offenbar 1489, wie die Forschung herausgearbeitet hat.[10]

Auf Island leistete Pining nachhaltige Arbeit, bevor er noch in Norwegen als Statthalter tätig war und dort 1491 verstarb. Eine isländische Gesetzessammlung trägt seinen Namen: Piningsdómur. Sein Posten auf der Insel im Nordatlantik wurde erst durch den dänischen König geschaffen, er war der erste der das Amt eines dortigen Gouverneurs („höfuðsmaðr“) bekleidete.[11] Diese Privilegierung konterkariert auch die Behauptung des schwedischen Gelehrten Olaus Magnus aus dem 16. Jahrhundert, wonach Pining und Pothorst aufgrund ihrer  Verbrechen als Piraten nach Grönland verbannt worden seien. Ganz abgesehen davon, dass Magnus behauptete, beide wären noch 1494 aktiv gewesen, als sie nachweislich bereits verstorben waren.[12]

In Hildesheim ist Pinings Erbe in den letzten Jahren wieder neu belebt worden: Dort tragen eine Straße und eine Grundschule seinen Namen. Zudem vergibt die dortige Stiftung Universität Hildesheim das „Didrik Pining Fellowship“ an wissenschaftliche Mitarbeiter.

Eine besonders romantisierende Verklärung erfuhr Pining aber in Bremen. Neben anderen „Ozeanbezwingern“ sind Pining und Pothorst dort auf einer Holztafel abgebildet, die am Haus des Glockenspiels mehrfach am Tag gezeigt wird. Hier sieht der Betrachter sie Auge in Auge mit einem amerikanischen Ureinwohner. Und auf der nächsten Holztafel erscheint derjenige, den manche bloß als Nachzügler Pinings abtun. Es ist: Christoph Kolumbus.

Literatur:

  • Bucher, Corinna. Christoph Kolumbus. Korsar und Kreuzfahrer. Darmstadt. 2006.
  • Hart, Jonathan. Comparing Empires. European Colonialism from Portuguese Expansion to the Spanish-American War. New York, Basingstoke. 2003.
  • Hughes, Thomas. The German Discovery of America. A Review of the Controversy over Pining’s 1473 Voyage of Exploration. German Studies Review. Bd. 27. 2004. S. 503 – 526.
  • Pini, Paul. Der Hildesheimer Didrik Pining als Entdecker Amerikas, als Admiral und als Gouverneur von Island im Dienste der Könige von Dänemark, Norwegen und Schweden. Hildesheim. 1971.
  • Richter, Marco. Die Diözese am Ende der Welt. Die Geschichte des Grönlandbistums Garðar. München. 2017.
  • Rinke, Stefan. Kolumbus und der Tag von Guanahani 1492. Ein Wendepunkt der Geschichte. Stuttgart. 2013.
  • Seaver, Kirsten A. The Frozen Echo. Greenland and the Exploration of North America, Ca. A.D. 1000-1500. Stanford. 1996.
  • von Marchtaler, Hildegard. Hans Pothorst, einer der Frühentdecker von Amerika, und seine Hamburger Verwandtschaft. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburger Geschichte, Bd. 58. 1972. S. 83 – 90.

[1] Seaver, Kirsten A. The Frozen Echo. Greenland and the Exploration of North America, Ca. A.D 1000-1500. Stanford. 1996. S. 199.

[2] von Marchtaler, Hildegard. Hans Pothorst, einer der Frühentdecker von Amerika, und seine Hamburger Verwandtschaft. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburger Geschichte. Bd. 58. 1972. S. 83 – 90.

[3] Bucher, Corinna. Christoph Kolumbus. Korsar und Kreuzfahrer. Darmstadt. 2006. S. 14.

[4] Richter, Marco. Die Diözese am Ende der Welt. Die Geschichte des Grönlandbistums Garðar. München. 2017. S. 26 f.

[5] Rinke, Stefan. Kolumbus und der Tag von Guanahani 1492. Ein Wendepunkt der Geschichte. Stuttgart. 2013. S. 48.

[6] Hart, Jonathan. Comparing Empires. European Colonialism from Portuguese Expansion to the Spanish-American War. New York, Basingstoke. 2003. S. 56-59.

[7] Pini, Paul. Der Hildesheimer Didrik Pining als Entdecker Amerikas, als Admiral und als Gouverneur von Island im Dienste der Könige von Dänemark, Norwegen und Schweden. Hildesheim. 1971. S. 21-23.

[8] Seaver. The Frozen Echo. S. 200.

[9] Hughes, Thomas. The German Discovery of America. A Review of the Controversy over Pining’s 1473 Voyage of Exploration. German Studies Review. Bd. 27. 2004. S. 503 – 526.

[10] von Marchtaler. Hans Pothorst. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburger Geschichte. Bd. 58. 1972. S. 88.

[11] Seaver. The Frozen Echo. S. 202.

[12] Pini. Der Hildesheimer Didrik Pining. S. 86-89.

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